03.8.2008

Mac im Reich der Biker...

Von Martin Kilian um 15:53 [ Sturgis, South Dakota ]
Motorräder verstopfen die Strassen von Sturgis im Präriestaat South Dakota. Knatternde Harleys, um genau zu sein. Denn in Sturgis begann am Wochenende die alljährliche Harley-Davidson-Parade. Eine halbe Million Biker werden im Lauf dieser Woche erwartet, alle von weisser Hautfarbe, viele tätowiert und pikobello auf Biker herausgeputzt, auf dem Sozius oftmals ein «Biker-Chick», wie die Motorrad-Bräute genannt werden.

Sturgis ist ein einziger gewaltiger Supermarkt für die anrückenden Massen. T-Shirts mit Harley-Slogans, Mützen, Lederjacken, was auch immer: Die Biker feiern sich, und sie feiern Amerika. Patriotismus weht durch die Luft, weshalb heute Abend eine Ehrung für die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte mitsamt einem Gedenken für die Gefallenen ansteht. Und wer wird dabei für seinen Dienst am Vaterland geehrt? John McCain natürlich, der eigens nach Sturgis einfliegt, um vor den Bikern eine Rede zu halten, ehe der Haufen anschliessend vom Rocker Kid Rock unterhalten wird.

Man wird dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten sicherlich zujubeln, derweil Barack Obama eben in Berlin zugejubelt wurde. Problematisch daran ist natürlich, dass die Berliner im November keinen amerikanischen Präsidenten wählen, die Biker hingegen schon. Die Szene in Sturgis legt nicht gerade nahe, dass Obama der Favorit der Harley-Gang ist. Ob sie mit dem demokratischen Kandidaten etwas anfangen könnten, sei dahingestellt; sicherlich aber ist McCains Auftritt in Sturgis letzten Endes publikumswirksamer als Obamas Rede in Berlin.

Das Gesichtsbad des Republikaners bei den Harley-Fans in Sturgis markiert nur einmal mehr, wie bedenklich es derzeit um Obama steht. Obschon die Demokraten als haushohe Favoriten in die Kongress- und Präsidentschaftswahlen gehen, verliert ihr Kandidat an Höhe und hat sich bislang nicht als der Favorit etabliert, der er eigentlich sein sollte. McCain ist daran nicht unschuldig: Er und seine Berater wissen, dass sie im November nur gewinnen können, wenn sie Obama in den Schmutz ziehen.

Entsprechend rutschte der Wahlkampf McCains in der vergangenen Woche immer tiefer in den Schlamm ab: Man log dreist, Obama habe sich geweigert, bei seinem Besuch in Deutschland verletzte amerikanische Soldaten zu besuchen. Und danach schaltete McCains Truppe einen Gang zu, indem sie den Demokraten in mehreren Werbespots als eine Celebrity-Figur mit Luft zwischen den Ohren zeichnete. Man warf ihn im TV mit Paris Hilton und Britney in einen Topf und malte Obama als elitären Snob, der bestimmte Edelmarken konsumiere und – siehe Berlin! – als entrückter Promi durch die Welt schwebe.

Ob McCains Rechnung im November aufgeht, steht in den Sternen; immerhin aber ist Obama seit seinem Trip nach Europa ins Trudeln geraten und liegt bei Umfragen nurmehr gleichauf mit McCain. Dass der Republikaner, der doch stets den Ehrenmann gibt, in den politischen Morast herabzusteigen gewillt ist, muss als kalkulierter Versuch gesehen werden, den Wahlkampf auf negativem Terrain zu führen und Obama so unwählbar zu machen. Der hat sich bislang erstaunlich wenig gegen den harten Ton seines Rivalen gewehrt – und läuft mit dieser Zurückhaltung Gefahr, ähnlich wie John Kerry 2004 vom republikanischen Gegner definiert zu werden.

Noch ist für den Demokraten nichts verloren, doch könnte sein Bestreben, über den Niederungen der Politik zu schweben, von der Wählerschaft als eklatante Hilflosigkeit interpretiert werden. Damit erfüllte sich Hillary Clintons interne Prophezeiung, Obama werde unter den Peitschenhieben der Republikaner vergehen und die Wahl verlieren. Vielleicht hätte Barack Obama daher gut daran getan, statt in Berlin in Sturgis aufzutreten. Sich bewundern zu lassen, ist eine Sache. Harley-Biker zu überzeugen eine andere – und politisch wesentlich einträglicher.