Sheridan wird entdeckt...!
| Von Martin Kilian um 17:58 | [ Sheridan, Wyoming ] |

«Wir installieren einen Kater und warten diesen», verspricht augenzwinkernd das Schild über dem Tresen der «Mint Bar» in Sheridan im Weststaat Wyoming. Der Abend ist noch jung, doch geht es hoch her im Gastraum der Bar, deren Markenzeichen Dutzende ausgestopfter Tiere aus den nahegelegenen Bergen sind. Über der Kasse sind gut lesbar auf einem Blatt Papier die Namen ehemaliger Gäste verzeichnet, die ein Lokalverbot ereilte. Auf die Frage, was denn zu tun sei, um auf ewig verbannt zu werden, klärt die Barfrau lächelnd auf, es bedürfe dazu «mindestens einer Schlägerei».
Willkommen im Wilden Westen, wo Rancher nicht selten über zehntausend Hektar Land gebieten und Cowboys wie Möchtegern-Cowboys der Stoff von Mythen sind. Und wo, um der Langeweile harter Winter und geografischer Abgeschiedenheit zu entgehen, getrunken wird wie kaum irgendwo sonst im weiten amerikanischen Land. Wie viele Städtchen und Flecken im dünnbesiedelten Wyoming hat auch Sheridan das stete Auf und Ab einer Wirtschaft erlebt, die auf Öl- und Gasausbeutung sowie auf Landwirtschaft fusst. Mal war die erst 1882 gegründete Stadt oben, mal war sie unten, immer aber bewegte sie sich im Gleichschritt mit den Energie- und Rindfleischpreisen. Der hohe Preis für Methangas mag derzeit gutes Geld in Sheridans Kassen und Geldbeutel spülen, doch ist der Stadt etwas viel Einträglicheres widerfahren: Sie ist entdeckt worden!
Wunderschön gelegen unweit der Bighorn-Berge ist Sheridan, weshalb es Reiche und Vermögende zusehends hierher zieht. Je nach Sichtweise profitiert die Stadt entweder von der rasanten amerikanischen Konzentration von Reichtum – oder ist zu deren Opfer geworden. John Mossholder wuchs in Sheridan auf und besucht seine Heimat jeden Sommer, um in der Berghütte seiner Familie einige Monate zu verbringen. Sheridan werde «aspenisiert», klagt er unter Anspielung auf das Skiparadies Aspen in Colorado, wo die Reichen die Preise derart in die Höhe getrieben haben, dass das Leben für Normalsterbliche nahezu unbezahlbar geworden ist. An der Hauptstrasse von Sheridan entdeckt Mossholder, dessen Familie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach Sheridan zog, die unertrüglichen Zeichen der «Yuppiefizierung»: Teuere Boutiquen und Kunstgallerien, wo ein Gemälde grasender Hirsche 40000 Dollar und mehr kosten kann.
Betrieben die Mossholders über Jahrzehnte hinweg ein Möbelgeschäft in Sheridan, so bietet die Familie George in ihrem Laden unweit der berühmten Sattlerei der Familie King – sogar Queen Elizabeth kaufte einst dort ein! – traditionelle West-Kleidung an: Cowboyhüte, Jeansröcke und dergleichen. Besitzerin Deana George hält nicht viel von den reichen Neubürgern Sheridans. «Manche von denen leben nur ein paar Monate im Jahr in der Region und bringen der Gemeinschaft ausser steigenden Lebenshaltungskosten nicht viel», sagt sie. «Wir sind bereits der zweitteuerste Landkreis in Wyoming, nur Jackson ist teuerer», mault die Geschäftsfrau.
Wie einst im malerischen Jackson im äussersten Westen Wyomings, wo sich bereits seit Jahrzehnten die Reichen und die Schönen niederlassen und der kleine Flughafen bisweilen mit privaten Jets überquillt, steigen die Landpreise auch um Sheridan rapide an. Und in der Umgebung des Städtchens entstehen Golfplätze, um die herum Villen für Millionäre gebaut werden. Der amerikanische Dollar-Adel weiss eben um die Schönheit der Landschaften in den Berglandschaften des amerikanischen Westens und kauft sich ein. In der «Mint Bar» ist vom «neuen» Sheridan allerdings noch herzlich wenig zu spüren. Und auch Deana George muss sich vornehmlich mit dem «alten» Sheridan herumschlagen: Wiederholt sind die Schaufenster ihres Bekleidungsgeschäfts in den vergangenen Monaten zertrümmert worden. Entweder wurden sie von Betrunkenen eingeschlagen oder die Betrunkenen fielen durch die Scheibe. Einfach so.
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