Groovin' with Joe.....
| Von Martin Kilian um 17:02 | [ Nashua, New Hampshire ] |
Rhames hat allerdings ein kleines Problem: Er hat einen Reporter im Schlepptau, auch noch mit einer Videokamera. Obschon Kontakt mit den Medien streng verboten ist. Im Haus wacht Lynn, 23, über die Schar der Freiwilligen. Sie ist angestellt und wird bezahlt. Der Raum wirkt chaotisch: Auf einem Tisch süsse Backwaren und Kaffee, an der Wand eine Karte Nashuas, unterteilt in Bezirke. Das Haus an der Berkeley Street ist nur eines von mehreren derartiger Obama-Niederlassungen in Nashua. Und Häuser wie dieses existieren in jedem Nest in New Hampshire. Sie sind die Stützpunkte im sogenannten «Bodenkrieg», bei dem die Fussoldaten der Präsidentschaftskandidaten zu Tausenden ausschwärmen, um Wähler zu ködern.
Die Freiwilligen an der Berkeley Street sind überwiegend jung. «Die denken alle, sie würden im Weissen Haus landen», spöttelt Joe Rhames. Er ist ein altes Schlachtross, 54, ein Ur-Demokrat aus Virginia. Ein Handwerker. Im August sandte er ein Email an die Obama-Truppe und erbot sich zu helfen. «Zwei Tage später rief diese nette junge Frau an, ‘Kommen Sie nach New Hampshire!’, sagte sie, wir können Sie unterbringen.» Er mietete sich ein Auto, fuhr zwölf Stunden von Virginia nach New Hampshire. Schon zuvor hatte er ein Hotelzimmer reserviert. «Ich bin zu alt, um wie die anderen Freiwilligen irgendwo auf dem Fussboden zu schlafen», grinst er.
Obama ist für Joe Rhames eine Ausnahmeerscheinung, die das politische Gezerre in Washington beenden könnte. «Wir haben 40 Jahre in diesem Land verschwendet, verdammt wenig ist dabei herausgekommen». Nun sucht Rhames Erlösung bei Barack Obama. Morgens erhält er an der Berkeley Street seine Marschpapiere, worin genau aufgezeichnet ist, welche Strassen er heute abklappern soll. Über jedes Haus sind bereits Informationen vermerkt: Hillary-Wähler! Oder: Republikaner! Rhames soll Leute umstimmen. Und Obama-Wähler daran erinnern, auch ja zur Wahl zu gehen.
«Canvassing» wird dieser Vorgang genannt. Joe Rhames glaubt indes, hier werde Overkill betrieben. Und Lynn, die Aufseherin an der Berkeley Street, ist ihm eine zu gestrenge Zuchtmeisterin. Überhaupt nähmen die Jungen das alles eine Spur zu ernst. «‘Habt ihr gesehen, dass Hillary an der und der Strassenkreuzung viel mehr Plakate hat als wir’, sagen die Jungen», mokiert sich der Handwerker. Nicht viel los heute an der Roy Street in Nashua. Die Leute verstecken sich in ihren Häusern, sobald sie Rhames im Anmarsch gewahren. «Die haben inzwischen genug», schimpft er.
Mehrmals schon haben ihm Bürger hinterm Vorhang mit der Faust gedroht. Verschwinden! Andere wiederum öffnen kurz und bedeuten Rhames, sie favorisierten Kandidat Soundso. Am Ende der Roy Street stehen zwei Männer neben einem Auto. Sie beklagen sich bitter. Rund sechs Mal täglich klingle das Telefon. Und andauerend werde an die Tür geklopft. Es reiche! Oder etwa nicht? Joe Rhames pflichtet ihnen bei. Das sei alles «nicht mehr produktiv», sagt er. Und macht Schluss für heute. Einige Strasse hat er ausgelassen. Lynn wird ihn deswegen anpflaumen, er aber geht einen Kaffe trinken. Es ist vier Uhr nachmittags.
Im Café unterhält sich Rhames mit Ed, einem pensionierten Polizisten, und dessen Freund Warren, der in der Band der amerikanischen Luftwaffe spielte. Joe schwärmt von Barack Obama. Er argumentiert. Er wirbt. Und am Ende sagt Ed, er werde alles nochmals überdenken. «Vielleicht stimme ich auch für Obama», strahlt er. Und Joe Rhames freut sich. Heute morgen war er auf einer Veranstaltung, auf der sein Held sprach. Keine Frage, dass es sich lohnt, für diesen Mann nach New Hampshire zu fahren. Auf eigene Kosten.
Wenn die Jungen nur ein wenig spassiger bei der Sache wären, klagt Rhames. Aber sie begriffen sich eben als Teil einer «Bewegung», glaubt er. Um eine Absage der nächsten Generation an die Politik ihrer Väter und Mütter handle es sich dabei. Deswegen legten sie sich auch so ins Zeug, meint Rhames und öffnet die Tür des Hauses an der Berkeley Steet. Wieder ein Tag im Weinberg des Barack Obama verbracht. Wieder die eine oder andere Seele bekehrt.

