10.1.2008

Wer bügelt Ihre Hemden?

Von Martin Kilian um 16:04 [ Manchester, New Hampshire ]
Wir werden niemals genau wissen, in welchem Umfang der überraschende Sieg Hillary Clintons bei der demokratischen Vorwahl in New Hampshire am Dienstag auch eine Reaktion von Wählerinnen auf Sexismus und Machismo war. Im Gegensatz zu Iowa, wo eine Mehrheit der Frauen für Senator Barack Obama votiert hatte, erklärten sich die meisten Frauen in New Hampshire für Hillary.

Sicherlich hat es Hillary bei Frauen nicht geschadet, dass sie am Vorabend der Wahl bei einer Veranstaltung in Salem, New Hampshire, sexistisch angemacht wurde. «Alle reden bei diesem Wahlkampf über Veränderung, aber was bedeutet das genau?», hatte sie gerade gesagt, als zwei junge Männer im Publikum aufstanden und «Bügle mein Hemd!» schrien. Einer der beiden hielt zudem ein Schild, auf dem ebenfalls «Bügle mein Hemd» stand.

Hillary Clinton bat daraufhin, den Saal besser auszuleuchten, damit sie sehen konnte, wessen Hemden sie bügeln solle. Den «Überresten des Sexismus» gehe es gut, wie heute Abend zu ersehen sei, erwiderte die Senatorin auf den Zwischenruf, während die zwei Idioten aus dem Saal geleitet wurden. Nun wissen wir, wer sie sind. Beide arbeiten für die Radiostation WBCN in Boston im benachbarten Staat Massachusetts, wo sie Teil einer nachmittäglichen Radioshow namens «Toucher and Rich» sind.

Fred Toucher und Rich Shertenlieb unterhalten die Zuhörer von Montag bis Freitag mit Blödeleien und Witzen, und die beiden Hemdenbügler Adolfo Gonzalez und Nick Gemelli sind Teil der Show, Adolfo als Assistent und Gemelli als Praktikant. «Ich glaube einfach nicht, dass eine Frau Präsident sein sollte», gab Gemelli als Grund für seinen Auftritt bei Hillarys Wahlveranstaltung an. Gonzalez identifiziert sich auf seiner MySpace-Webseite als Republikaner.

Mit ihrer Aktion verliehen Gemelli und Gonzalez dem Wahlkampf in New Hampshire am Vorabend der Wahl eine dramatische Note und drückten offen aus, was manche Männer nur zu denken wagten. Wie gesagt: Wir werden niemals wissen, wie viele Frauen, die sich eigentlich nicht ins Hillaryland begeben wollten, wegen dieses Vorfalls für die Senatorin stimmten, aber es dürften einige gewesen sein.

Ihr Verhalten ist nur allzu verständlich, denn die Bügelaktion stand für einen zuweilen problematischen Ton in der Berichterstattung über die Senatorin, vor allem, nachdem ihr am Wochenende vor der Wahl auf die Frage, wie sie das alles durchhalte, Tränen in die Augen getreten waren. «Oh, schaut nur, sie gibt das Girl», hiess es danach hämisch. Andererseits warf man ihr vor, sie benehme sich wie ein blutleerer Robot, zeige nie ihre Gefühle und sei eben eine eiserne Lady.

Mit anderen Worten: Wie immer sich Hillary Clinton auch verhielt, konnte sie es manchen Kritikern nicht recht machen. Ihnen wäre offensichtlich am besten gedient, wenn Frau Clinton sich nicht um das Amt des Präsidenten bewerben würde, sondern – Hemden bügelte.



09.1.2008

Das wäre ja ein Hammer....

Von Martin Kilian um 15:47 [ Manchester, New Hampshire ]
Der Wahlausgang schien prognostizierbar, die Wahl entschieden. «Hillary bereitet sich auf zweite Niederlage vor», titelte das Wall Street Journal am Tag der Vorwahl in New Hampshire. Und basierend auf der Befragung von Wählern, die bereits abgestimmt hatten, errechnete der TV-Sender Fox noch am Wahlabend einen Vorsprung von fünf Punkten für Barack Obama. Andere Umfragen hatten den afroamerikanischen Senator sogar im zweistelligen Bereich vorne. Und Spiegel Online erklärte Obama schon zum Sieger, ehe die Auszählung der Stimmen überhaupt begonnen hatte.

Doch es kam anders: Von Beginn der Auszählung an setzte sich die Senatorin aus New York an die Spitze des demokratischen Felds, nie gab sie die Führung ab. Was aber war geschehen? Warum hatten sich die Demoskopen blamiert? Die schönere von zwei möglichen Antworten wäre, dass in den letzten 24 Stunden vor der Wahl tatsächlich ein Stimmungswechsel eingesetzt hatte, den die Erhebungen nicht mehr registrierten. Vielleicht waren es Hillarys Tränen. Oder die Angst vor einer Rezession. Vorstellbar wäre auch, dass mancher Wähler den Medien und Demoskopen trotzen wollte, die Barack Obama bereits vor der Öffnung der Wahllkokale zum Sieger ausgerufen hatten.

Weniger erbaulich wäre hingegen, wenn Barack Obama mitsamt den Demoskopen Opfer des sogenannten «Bradley-Effekts» geworden wäre. Der Begriff bezieht sich auf die kalifornische Gouverneurswahl von 1982, als der schwarze Bürgermeister von Los Angeles, Tom Bradley, gegen den weissen Republikaner George Deukmejian antrat. Meinungsumfragen zeigten einen klaren Vorsprung für den Demokraten Bradley, am Ende aber verlor dieser die Wahl. Nachfolgende Untersuchungen ergaben, dass manche Wähler die Demoskopen angelogen hatten. Um nicht den Anschein zu erwecken, sie hegten Rassenvorurteile, erklärten sich die Befragten für Bradley, obschon sie seinen weissen Konkurrenten favorisierten.

Der «Bradley-Effekt» zeigte sich später auch bei anderen Wahlentscheidungen zwischen Afroamerikanern und Weissen. Nun bleibt zu hoffen, dass sich die lachhaften Umfragen vor dem Urnengang in New Hampshire nicht dem «Bradley Effekt» verdankten. Andernfalls wären alle künftigen Erhebungen über Barack Obamas Wahlaussichten suspekt.



Comeback Kid!

Von Martin Kilian um 04:25 [ Manchester, New Hampshire ]
Ein langer Abend in Manchester im Staat New Hampshire – und eitel Freude im Hillaryland! Die Senatorin führt bei der demokratischen Vorwahl in New Hampshire, der Obama-Durchmarsch findet nicht statt! Fast 60 Prozent der Stimmen sind ausgezählt, der Senator aus Illinois liegt mehrere Tausend Stimmen zurück. Die Meinungsumfragen, die einen Super-Sieg für Barack Obama in New Hampshire prognostizierten, sind wertlos. Müll! Von wegen 15 Pozentpunkte vor Hillary!

Ich rief umgehend Mr. X (siehe unten) an, der mir freudig erregt mitteilte, die Stimmung in New Hampshire habe sich in den vergangenen 24 Stunden zugunsten Hillarys gewandelt. Die sexistische Bemerkung eines Makers, der ihr bei einer Wahlkampfveranstaltung am Montag zugerufen hatte, sie solle gefälligst seine Hemden bügeln, habe viele Frauen in Rage versetzt, sagt Mr. X. In Iowa stimmten die Wählerinnen mehrheitlich für Obama, in New Hampshire votierten sie mehrheitlich für Hillary. Wahrscheinlich verschaffte der Senatorin auch die zunehmend bedrohliche Wirtschaftslage Auftrieb. Die Wähler erinnern sich gern an die relativ fetten Jahre unter Mr.Bill von 1996 bis 2000.

Egal, wie es heute Nacht ausgehen wird: Die Senatorin aus New York hat noch nichts verspielt. Und ich muss jetzt Nachtarbeit leisten, begleitet von Coltrane. Man gönnt sich ja sonst nichts!

PS. Die Associated Press hat Hillary soeben (22:40 Ortszeit) zur Siegerin ausgerufen! Mr. X ist ekstatisch!


08.1.2008

Eine irre Prognose......

Von Martin Kilian um 21:31 [ Manchester, New Hampshire ]
Früher Nachmittag, und die Lobby des Radisson-Hotels in Manchester ist an diesem Wahltag der aufregendste Ort in New Hampshire. Die TV-Crews haben aufgebaut, die Star-Journalisten sind da, der Republikaner Ron Paul ist hier und der Demokrat Dennis Kucinich. Hillarys oberster Geldeinsammler Terry McAuliffe ist ebenso zugegen wie Antonio Villaraigosa, der demokratische Bürgermeister von Los Angeles. Der Paleokonservative Pat Buchanan, der 1996 die republikanische Vorwahl in New Hampshire gewann (und dann verblasste) spaziert zur Tür herein und gibt Autogramme. Und ausserdem ist Mr. X hier, der Vertraute der Clintons, mit dem ich befreundet bin.

X lehnt sich zu mir herüber und sagt mit völlig ruhiger Stimme, internen Prognosen zu Folge werde die Senatorin mit 15 Prozentpunkten Abstand zu Barack Obama verlieren. Ich bin erschlagen, frage ungläubig nach. 15? Jawohl, 15! Aber das bedeute nichts, sagt X, denn man werde Obama Anfang Februar, wenn über 20 Bundesstaaten wählten, auf der Ziellinie abfangen. Und überhaupt, sagt X, freuten sich die Republikaner, wenn Barack die demokratische Nominierung gewänne. Ein ehemaliges Mitglied im Kabinett Ronald Ragans habe ihm vor wenigen Minuten gesagt, John McCain werde Obama im Herbst besiegen.

El Presidente Jorge Arbusto müsse lediglich im September oder Oktober eine aussenpolitische Krise vom Zaun brechen und – zack! – sei Barack Obama der grosse Verlierer. Die Wähler würden sich unter derartigen Umständen niemals einem Novizen wie Obama anvertrauen. Das sind ja schöne Aussichten, werfe ich ein. X nickt. Noch ist nichts verloren, sagt er. Ganz schön cool, der Mann. Dennoch: Barack Obama 15 Prozent vor Hillary in New Hampshire? Ich mag es nicht glauben. In fünf Stunden wissen wir mehr.


06.1.2008

Blanke Nerven in New Hampshire...

Von Martin Kilian um 17:49 [ Manchester, New Hampshire ]
Geradezu fiebrig fühlt sich das kleine New Hampshire an, ein Staat im Overdrive in diesen letzten Tagen vor der Vorwahl am Dienstag. Denn alle zehn verbleibenden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten – vier Demokraten und sechs Republikaner - bereisen hektisch den Staat, kurven mit blanken Nerven von der Küste in die Berge und vom leeren Norden zum dichtbesiedelten Süden.

Am Freitagabend beim festlichen Jahresdinner der Demokratischen Partei New Hampshires im Städtchen Milford ereignete sich gar ein Mini-Eklat, als Hillary Clinton während ihrer Ansprache von Obama-Fans ausgebuht wurde. Vollends vorbei war es mit der Saalordnung, als Obama sprach und seine Fans lärmend Richtung Podium marschierten – zum Entsetzen der demokratischen Honoratioren des Staats, die nahezu geschlossen im Hillaryland campieren. «Studenten und Trendys», bestimmten das demokratische Rennen, empörte sich die grosse alte Dame der Partei, Mary Louise Hancock, 87.

Die Dinge stehen nicht sonderlich gut im Hillaryland, obschon doch trotz der herben Niederlage in Iowa nichts verloren ist. Im Stab der Senatorin aber brodelt es, anklagend wird mit dem Finger auf ihren Chefstrategen Mark Penn gezeigt. Nichts habe der kommen sehen in Iowa, überrollt worden sei er vom Obama-Express. Dabei schlug sich die Senatorin aus New York recht gut bei der gestrigen Debatte der demokratischen Kandidaten, auch wenn Edwards und Obama gemeinsam über sie herfielen. Hillary wusste sich jedoch zu wehren, weshalb es zuweilen etwas rauh zuging auf der Bühne des St. Anselm College in Manchester.

Der Staat war den Clintons stets freundlich gesinnt, seit 2000 aber hat die Zahl der von auswärts hereingeschneiten Wahlberechtigten um ein Viertel zugenommen. Und die Neuen sind der demokratischen First Family vielleicht nicht mehr so gewogen wie die alteingesessenen Demokraten.

Eine Wette aber gilt bereits: Dass nämlich aus der Kandidatur des Republikaners Mitt Romney die Luft entweichen wird, falls der Ex-Gouverneur des benachbarten Massachusetts nach Iowa auch in New Hampshire verliert. Damit wäre im übrigen bewiesen, dass Geld nicht immer Liebe kaufen kann. Denn in Iowa verpulverte der reiche Romney 17 Millionen Dollar seines Privatvermögens und wurde dennoch von Mike Huckabee besiegt, während er in New Hampshire Gefahr läuft, vom bereits politisch tot geglaubten Senator McCain abgewatscht zu werden.

Bei der republikanischen Debatte, die gleichfalls am Samstag am St. Anselm College veranstaltet wurde, plädierte Romney gar für Schonung, nachdem ihn sowohl McCain als auch Huckabee angemacht hatten. Ausgerechnet er, der in Iowa hart attackiert hatte, sagte nun, man solle doch bitte «über Politik reden, anstatt persönliche Attacken zu machen».

Dabei hatte Romney eigentlich Grund zur Freude, gewann er doch am gestern die republikanischen Parteiversammlungen in…..Wyoming! Das Problem ist, dass sich niemand dafür interessiert, weil die «Caucuses» des Weststaats Wyoming völlig unbedeutend sind. Der arme Mitt Romney! Ausser Spesen nichts gewesen, wird es Dienstagabend heissen, so er auch in New Hampshire besiegt wird.