22.7.2008

Stille Tage am Strip...

Von Martin Kilian um 06:34 [ Las Vegas, Nevada ]
Die Schlange vor dem Schalter des Hotels ist enorm, die Gäste sind gleichwohl geduldig. Draussen sticht die Sonne - das Thermometer ist auf 35 Grad geklettert - , derweil sich drinnen die Angestellten des Flamingo Hotels und Casinos in Las Vegas mühen, ihre 3600 Zimmer mit den Wartenden zu füllen. Die amerikanische Wirtschaftslage ist prekär, zwei Kriege in Afghanistan und im Irak zehren die Nation aus, in Vegas freilich ist davon nichts zu spüren. Menschenmengen spazieren den legendären «Strip» entlang, der zu beiden Seiten von Kasinos und Hotels gesäumt wird, der Autoverkehr reisst nicht ab und aus den Lautsprechern plärren aufdringlich Musik und Werbung.

Vegas ist nichts für Schöngeister; eine Spielwiese der Geschmacklosigkeiten ist die Stadt und doch ist sie faszinierend genug, um Touristen aus dem gesamten Land wie aus Übersee anzulocken. So ganz auf Hochtouren dreht die verrückte Herberge in der Wüste gleichwohl nicht; die Zahl der Besucher ist rückgängig, Bettenbelegung wie Anzahl der Spielenden haben abgenommen. Sonntags am Strip aber ist davon ebenso wenig etwas zu spüren wie vom bröckelnden Immobilienmarkt der Stadt. Die Hypotheken-Krise hat Vegas besonders stark getroffen; nirgendwo im Land ist die Zahl der Zwangsenteignungen grösser, nirgendwo sind die Hauspreise ähnlich stark abgestürzt wie in Las Vegas.

Gewaltig ist die Stadt gewachsen in den vergangenen Jahren und hat Pensionäre wie Mittelklässler angezogen, die das Klima und die erschwinglichen Preise für ein Einfamilienhaus in Suburbia schätzten. Jetzt ist es damit vorbei: Um die Ausbreitung von Moskitos zu verhindern, pumpt die Stadt jede Woche ein halbes Dutzend Swimming Pools in den Gärten leerstehender Häuser aus. Dass die Preise für Einfamilienhäuser mindestens um ein Viertel gesunken sind, könnte Vegas langfristig indes zu noch mehr Wachstum verhelfen. Zwei Millionen Menschen leben hier, schon 2016 werden es Schätzungen zu Folge drei Millionen sein.

Die Stadt ist unterdessen so kitschig wie eh und je, eine imaginäre Welt voller potemkinscher Städte: Venedig lässt ebenso im kleinen Masstab grüssen wie Paris oder New York. Realitätssinn war noch nie die Stärke der Impresarios, die Vegas von einem Nest im Hinterland in ein internationales Reiseziel verwandelt haben. Henry Millers klimatisierter Alptraum kommt in Vegas als eine Melange von Lärm und Neon daher, die von den Besuchern in vollen Zügen genossen wird. Wer etwas tiefer schürft, entdeckt eine ganz andere Seite des Wahnsinns in der Wüste: Keine amerikanische Stadt ist gewerkschaftlich besser organisiert als Vegas, dessen Dienstleister das Rückgrat der Demokratischen Partei im Staat Nevada bilden.

Und falls Barack Obama im November in Nevada überraschend siegen sollte, hätte der Senator das Las Vegas zu verdanken, wo ihm die Bediensteten der grossen Hotels den nötigen Auftrieb verschaffen könnten. Die amerikanischen Besucher, die in der sonntäglichen Mittagshitze flanieren, wollen davon jedoch nichts wissen: Die Präsidentschaftswahl stünde ja erst in dreieinhalb Monaten an. Davor kommen bitte schön die Ferien – zwei oder drei Nächte im Neonlicht von Vegas.

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