17.7.2008

Erschwerter Grenzübertritt….

Von Martin Kilian um 17:14 [ El Paso, Texas ]
Der Zollbeamte am Grenzübergang zwischen dem texanischen El Paso und der mexikanischen Millionenmetropole Ciudad Juarez setzt eine bedenkliche Miene auf. Meine Zigarre, die ich in Juarez gekauft habe, sei kubanischer Herkunft, sagt er, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen. Mir sei sie als nicaraguanische Zigarre angepriesen worden, wende ich schüchtern ein. Es sei zweifelsohne eine kubanische, er kenne schliesslich die Gepflogenheiten der mexikanischen Geschäftemacher, wehrt der Vertreter des amerikanischen Staats und Aufseher über das Embargo gegen Fidel ab. Ich befände mich im Besitz illegaler Ware und müsse diese zurück über die Grenze bringen, ordnet der Zöllner an, worauf ich mich auf den Weg zur Grenzbrücke mache, wo hoch über dem schmutzigen Rio Grande die Staatsgrenze verläuft.

Schwer gesichert ist die Demarkationslinie zwischen Mexikanern und Gringos in El Paso, denn wie überall längs der Grenze zwischen dem englisch- und spanischsprachigen Amerika gilt es illegale Einwanderer abzuwehren. Zäune und Sperren entlang des einbetonierten Flusses trennen die beiden Grosstädte, vor allem aber trennen sie Welten: El Paso, geradeso mexikanisch wie Juarez, ist eine aufstrebende amerikanische Latino-Hochburg, Juarez eine Hölle auf Erden. Die Stadt geriet in die Schlagzeilen, nachdem über Jahre hunderte junger Frauen ermordet wurden. Nackte Gewalt regiert Juarez, wo Drogenbanden gegeneinander wie gegen den Staat mobil machen. An einem einzigen Wochenende in diesem Jahr wurden 24 Menschen erschossen, täglich vermeldet die Stadt fünf bis zehn Mordopfer.

Im Juni wurden drei mexikanische Polizisten nahe des Genzübergangs ermordet, obwohl die mexikanische Armee seit drei Monaten die Strassen von Juarez in kugelsicheren Westen und mit Maschinengewehren patroulliert. Amerikanische Touristen, die einst in Massen durch die Strassen von Juarez flanierten und einkauften, sind nirgends zu sehen. «Zu gefährlich», sagt der Barmann in der Kentucky Bar an der Avenida Santa Fe. Neulich wurde bei einer Schiesserei ein zwölfjähriges Mädchen im Kreuzfeuer rivalisierender Gangs getötet.

Nun stehe ich auf dem höchsten Punkt der Grenzbrücke und damit exakt auf der Staatsgrenze und verschenke meine Zigarre an einen höchst erbauten jungen Mexikaner, ehe ich wieder abwärts gegen Norden dem Zoll zustrebe. In einem eingezäunten Teil des Grenzübergangs stehen zwei weisse Busse der amerikanischen Grenzschützer, denen abgefangene Illegale entsteigen. Allesamt sind sie junge Männer, die nun nach Mexiko abgeschoben werden. Die meisten werden neuerlich versuchen, illegal in die Vereinigten Staaten einzureisen.

Die illegale Einwanderung ist zu einem heissen Thema des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes geworden, weder Barack Obama noch John McCain aber haben ein probates Rezept gegen den Ansturm von Menschen, die in den Vereinigten Staaten Arbeit suchen und von amerikanischen Arbeitgebern oft für die gröbste Dreckarbeit angeheuert werden. Weil die Republikanische Partei streng gegen die Illegalen vorgehen möchte und eine Amnestie ablehnt, wird eine Mehrheit amerikanischer Latinos im Herbst demokratisch wählen – eine potentiell fatale Entwicklung für die Republikaner, da sich die schnell wachsende hispanische Gemeinschaft trotz ihres gesellschaftspolitischen Konservatismus langfristig an die Demokratische Partei binden könnte.

An der Grenze zwischen El Paso und Juarez wird das amerikanische Dilemma jedenfalls grell beleuchtet: Was soll aus Mexiko werden, wenn das soziale Sicherheitsventil der Auswanderung nach Norden geschlossen wird? Und wie kann andererseits verhindert werden, dass Millionen von Mexikanern und Zentralamerikanern die amerikanischen Grenzen überfluten?

Ich nehme jetzt einen zweiten Anlauf, diesmal ohne Zigarre, um zurück nach El Paso zu gelangen. Am Grenzübergang erwartet mich Officer Jones, ein graumelierter Herr mit einem freundlichen Gebaren. Was ich in Juarez getrieben hätte, will er wissen. Ob ich nicht wisse, wie gefährlich es dort sei, fragt Officer Jones und klärt mich umgehend auf. Ein «viertklassiges Land» sei Mexiko. Total korrupt. Und die Gewalt in Juarez! Seine Kollegen und er könnten nächtens das Knattern der Knarren jenseits der Grenze hören. Er habe einen netten Mann gekannt, der Restaurants in El Paso und Juarez besessen habe. Man habe ihn erschossen in Juarez. «Sie sollten Ihr Geld nicht dort drüben ausgeben, geben Sie es hier aus», sagt Officer Jones nach dem Ende seiner Tirade. Er meint es ja nur gut mit mir.