06.7.2008

Strom und Jesse...

Von Martin Kilian um 14:30 [ Edgefield, South Carolina ]
Washington, die Hauptstadt, ist weit weg, ein Ort, an dem die Menschen schneller gehen und essen und reden als in Edgefield im Südstaat South Carolina. Noch immer schlägt der Puls des Südens aller wirtschaftlichen Entwicklung zum Trotz gemächlicher als der im amerikanischen Norden und Westen. Womöglich verlangt die brutale Sommerhitze ein langsameres Tempo. Sechs von zehn Einwohnern Edgefields sind Afroamerikaner, die weisse Minderheit der insgesamt 4500 Einwohner aber behält das Heft in der Hand.
Strom Thurmonds Denkmal...
Das Städtchen hat dem Staat South Carolina zehn mehr oder weniger mit Rassenvorurteilen behaftete Gouverneure sowie einen ausgesprochen rassistischen Senator beschert. Und nun steht Senator Strom Thurmond als Denkmal verewigt unter der sengenden Sonne auf dem Zentralplatz in Edgefield und kann, da 2003 im biblischen Alter von 100 Jahren verstorben, nicht mehr mitansehen, wie ein Afroamerikaner Präsident werden will. Thurmond war generell kein Freund der Afroamerikaner, auch wenn nach seinem Ableben herauskam, dass er mit einer Afroamerikanerin ein Kind gezeugt hatte. Obamas Kandidatur hätte er erstaunt und sicherlich mit Sorge verfolgt.

Nicht weniger erstaunt als Thurmond dürfte North Carolinas Ex-Senator Jesse Helms gewesen sein, der am Freitag verstarb. Wie Thurmond war Helms ein Rassist der alten Südstaatenschule, wie sein Kollege aus South Carolina verliess er aus Protest gegen schwarze Bürgerrechte die Demokratische Partei und schloss sich den Republikanern an, die den Süden mit ihren mehr oder weniger unverhohlenen Appellen an weisse Vorurteile im Laufe der siebziger und achtziger Jahre in eine republikanische Hochburg verwandelten. In Washington trug Helms den Namen «Senator Nein», weil er unweigerlich gegen Bürgerrechte stimmte – für Schwarze oder Schwule oder für wen auch immer – und überhaupt ein Betonkopf der übelsten Sorte war.

Im Gegensatz zu Thurmond erlebte Helms jedoch, wie Barack Obama die demokratische Kandidatur errang – nachdem er sowohl in North Carolina als auch in South Carolina bei den Vorwahlen gesiegt hatte. Dass ein Afroamerikaner erstmals eine reale Chance hat, ins Weisse Haus zu ziehen, muss Helms zutiefst schockiert haben. Zeigte es ihm doch, wie sich Blatt und Zeiten gewandelt haben. Nachgerade umgehauen aber dürfte ihn haben, dass Obama ernsthaft versuchen wird, den republikanischen Süden aufzuweichen und zumindest in North Carolina und Virginia und vielleicht sogar in Georgia die republikanische Vorherrschaft zu brechen.

Auch Strom Thurmond fiele gewiss von seinem Sockel in Edgefield, so er dies gewahren könnte. Gleichwohl darf sich der alte Rassist damit trösten, dass South Carolina, das immerhin den amerikanischen Bürgerkrieg anzettelte, unfruchtbares Terrain für Barack Obama bleiben wird. Nicht auszudenken, wenn die gesamte Konföderation zu einem Schwarzen überliefe!