04.1.2008
Guten Morgen auch!
Es ist vollbracht! Barack Obama hat die Parteiversammlungen gewonnen, und in der Halle, wo er seine Siegesansprache hielt, lag Geschichte in der Luft. Seine Ansprache an die Anhänger und an uns, die Medienschaffenden, war ein Knüller, vom Besten! Entschieden ist damit freilich noch nichts, denn keinesfalls wird Hillary nach dieser Schlappe das Handtuch werfen. Aber Obamas dröhnender Erfolg in Iowa könnte bedeuten, dass viele Amerikaner nach der….ähh…schwierigen…nun ja…Präsidentschaft Jorge Arbustos vielleicht wirklich einen Neuanfang wollen und dabei nicht unbedingt auf eine Babyboomerin zurückgreifen möchten, die seit vier Jahrzehnten am Kulturkampf teilnimmt.
Ein neuerliche Niederlage für die Senatorin in New Hampshire am kommenden Dienstag könnte signalisieren, dass die Demokraten mit Bill und Hillary abgeschlossen haben und sich der nostalgische Impuls erschöpft hat. Im Übrigen befanden sich 2400 Lohnschreiber und TV-Fuzzis in Des Moines und wahrscheinlich war jede zweite Fernsehkamera der Welt angereist. Für die mediale Masse sorgte rührend die Google-Lounge, wo man sich mit Bier und Popcorn – umsonst! – zuschütten und laut wundern konnte, was die Republikaner mit dem Sieg Huckabees anfangen werden. Huck ist von echtem Schrot und Korn, aber eben etwas….seltsam. Aber vielleicht kommt mir das nur so vor, weil der Tag nicht enden will und bald wieder das Telefon bimmelt. Guten Morgen auch!
12.11.2007
Die Sozialisten kommen....
Bvor ich nach Washington abdüse, bleibt noch ein Nachtrag: Bei den Bürgermeisterwahlen in Des Moines in der vergangenen Woche gewann die Kandidatin der «Socialist Workers Party» in einem verarmten Bezirk der Stadt namens «Southeast Bottoms» 50 Prozent der Stimmen. Die Anhänger des Kapitalismus in Des Moines zeigten sich indes nicht weiter geschockt, denn von 310 wahlberechtigten Bürgern des Distrikts hatten nur sechs gewählt, drei davon eben die Sozialistin Diana Newberry. «Ich weiss auch nicht, warum die Leute für mich gestimmt haben», kommentierte diese etwas überrascht das Wahlergebnis in «Southeast Bottoms». Offenbar hatte Newberry mit weniger als drei Stimmen gerechnet.
Und ich hatte bei den Veranstaltungen der Demokraten, die ich im Verlauf der letzten Woche besuchte, eigentlich bessere Musik erwartet. Meine Güte, welch ein Pop-Gesülze! Dabei ist Iowa Heimat der Metal-Truppe Slipknot! Heimgekehrt nach Washington werde ich mich heute abend spirituell reinigen von der üblen Musik der Demokraten, indem zuerst Arcade Fire aufspielen wird – und dann Coltrane. Ascension! Zuvor muss ich allerdings das Dach der Tagi-Bude in Washington festzurren….
10.11.2007
Eine hochintelligente Frage!
Ein grauer Nachmittag in Des Moines; die Stadt füllt sich mit den Fans der diversen demokratischen Präsidentschaftskandidaten, die Samstagabend das Jefferson-Jackson-Dinner besuchen. Rund 9000 Aktivisten werden zum Gelage erwartet, und da einige der Politicos in meinem Hotel übernachten, ist die Personenschutztruppe des Secret Service überall präsent – kantige Typen, einen Knopf im Ohr, unter der Achsel eine Ausbuchtung, worin die Kanone steckt.
John Edwards hielt im Hotel eine Rede vor Gewerkschaftern, auf deren T-Shirts stand: «Carpenters for Edwards». Die Schreiner spendeten ihm reichlich Beifall. Am Freitagabend hatte der Rocker und Midwest-Fave John Mellencamp seinen alten Freund Edwards bei einem Konzert in Des Moines auf die Bühne gebeten – was nicht von allen Fans goutiert wurde: Ein Teil des Publikums buhte Edwards aus.
Hillarys Wahlkampftruppe musste unterdessen einräumen, dass man bei einer Veranstaltung in Iowa eine Besucherin dazu gebracht hatte, der Kandidatin eine vom Stab präparierte Frage zu stellen. Hmmm…wetten, dass das öfters passiert? Und gewiss nicht nur bei Hillarys Wahlkampf-Palavern! Wer sich tagtäglich mit zuweilen bescheuerten Fragen konfrontiert sieht, bringt lieber mal etwas Vorformuliertes mit, etwa: «Senator, trifft es zu, dass Sie Armut, Krieg und Erderwärmung abschaffen wollen?». Das ist doch eine hochintelligente Frage, darüber kann man sich auslassen, nicht wahr!
Im Übrigen sind in Des Moines wie in fast allen amerikanischen Städten erschreckend viele Obdachlose zu finden. Manche davon sind Vietnam-Veteranen, und nun gesellen sich die ersten Heimkehrer aus dem Irak und Afghanistan zu ihnen. Laut einer brandneuen Studie der «National Alliance to End Homelessness» sind ein Viertel aller obdachlosen Amerikaner Veteranen, obwohl der Anteil der Veteranen an der Gesamtbevölkerung nur elf Prozent beträgt.
So ist es eben: In einer Endlosschlaufe werden «unsere Truppen» und «unsere Helden» besungen, wird immerzu mit dem Slogan «Unterstützt die Truppen» um sich geworfen – und wenn die Helden nach Hause kommen, viele krank und von posttraumatischem Stress geplagt, fehlt es an Hilfe. Manche «unserer Helden» warten jahrelang auf die Behandlung ihrer kaputten Psychen, andere enden auf der Strasse. Oh well…
08.11.2007
Dinner mit Tom und Andy....
El Presidente hat gestern seinen Job neu definiert. Im fernen Washington verlangte er von Pervez Musharraf, dem pakistanischen Armani-Caudillo, er solle gefälligst die Uniform ausziehen. Denn keinesfalls könne man «gleichzeitig Präsident und Oberkommandierender des Militärs sein». Dabei ist El Presidente selber Präsident und Oberkommandierender der amerikanischen Streitkräfte. Gleichzeitig! Ob er nun einen seiner Jobs aufgibt?
Wie auch immer: In Des Moines im Staat Iowa naht das politische Ereignis des Jahres, das sogenannte Jefferson-Jackson-Dinner, benannt nach Tom und Andy, den mythischen «Gründern» der Demokratischen Partei. Zum Gelage am Samstag werden alle Präsidentschaftskandidaten erwartet sowie Sprecherin Nancy Pelosi, die als Zeremonienmeisterin fungieren wird. Fast alle: Ex-Senator Mike Gravel aus Alaska sowie der Kongressabgeordnete Dennis Kucinich wurden, obwohl offiziell Kandidaten, nicht zur grande bouffe eingeladen. Als chancenlose Aussenseiter versperren sie anscheinend die Sicht auf Matadoren und Matadorin. Nicht nett!
Im Vorfeld der Gala fällt die Demokratenschar bereits auf der Prärie ein: Mr. Bill vertritt heute auf der Pampa nahe der Grenze zu Nebraska Hillary, deren Vorsprung in Iowa laut einer neuen Umfrage schmilzt. Und Barack Obama scheint im Trubel des Wahlkampfes die Orientierung verloren zu haben. Gestern landete er mit seinem Privatjet auf dem falschen Flughafen, nämlich in Des Moines, statt im 230 Kilometer östlich gelegenen Cedar Rapids, wo nahezu tausend Fans auf ihn warteten. Mit einer Stunde Verspätung schwebte der Senator aus Illinois sodann an seinem Zielort ein.
Der Vorwahlkampf tritt unterdessen in seine schmutzige Phase. Gerüchte werden verbreitet und Flüsterkampagnen gestartet: Kandidat X habe eine Affäre, erledigt sei er, wenn es publik werde. Tatsächlich erkundigte sich eine Reporterin der New York Times bei einem Bekannten aus Barack Obamas Studienzeit in New York eingehend nach den damaligen Kiffgewohnheiten des Senators. Das berichtet der Bekannte auf seinem Blog.
Dabei hat Obama unumwunden zugegeben, Marihuana geraucht zu haben. Im Gegensatz zu Bill Clinton, dem zumindest während seines Studienjahres in Oxford bisweilen ein brennender Joint zwischen den Lippen hing, ohne dass Mr. Bill jedoch inhaliert hätte. Behauptete er jedenfalls, als die Sache bei seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 1992 ruchbar wurde. Geglaubt hat es ihm damals niemand. Schliesslich war die Palette dessen, was Mr. Bill inhalierte, erstaunlich breit und umfasste nebst Zigarren auch Hamburger und Sex.
07.11.2007
I Love My Minivan!
Man kann Washington nicht den Rücken kehren, ohne dass etwas Unerquickliches geschieht: Der Protektor Wasiristans hat sich zum Diktaktor Pakistans erklärt, womit El Presidentes Krieg gegen den Terror™ einen schweren Rückschlag erlitten hat. Das kommt davon, wenn doppelzüngig der Demokratie gehuldigt wird, indes man dem vermeintlichen Verbündeten im Krieg gegen den Terror™ allerhand durchgehen lässt: Das Abwürgen von Demokratie, das Dealen nuklearen Materials durch seinen Haus-Alchemisten Dr. Abdul Qadeer Khan, das Asyl für den Massenmörder Bin Laden, die Garnison für Mullah Omar und einiges mehr.
Ich jedenfalls bin froh, in mittwestlichen Iowa zu sein, inmitten der «Fly-Over-Zone», wie die Amerikaner zu beiden Küsten frech das Interieur des Kontinents nennen. Bei der verspäteten Ankunft nach Mitternacht in Iowas Hauptstadt Des Moines erhielt ich von meinem Mietwagen-Menschen (er war extra wegen mir aufgeblieben!) ein Geschenk der besonderen Art: Nur ein Auto sei noch da, hier bitteschön, ein Minivan für mich. Als ich verschlafen meinte, ich bräuchte keine Familienkutsche mit drei Sitzreihen, auch sei mir ein Minivan prinzipiell nicht geheuer, erwiderte der freundliche Midwesterner, es sei nicht seine Schuld, dass ich keine sechs Kinder hätte.
Nun pilotiere ich einen weissen koreanischen Kia Soundso und muss zusehen, wie andere Automobilisten mit dem Finger auf mich zeigen und lachen: Guck mal, der da, na so was. Trotzdem inspiziere ich die politische Landschaft in Iowa, wo am 3. Januar die berühmten Parteiversammlungen, die sogenannten «Caucuses», stattfinden, bei denen sich in Städten und Gemeinden demokratische wie republikanische Aktivisten öffentlich für «ihren» Präsidentschaftskandidaten erklären. In New Hampshire findet nur fünf Tage später die erste Vorwahl statt, weshalb den «Caucuses» in Iowa enorm viel Gewicht zukommt.
Und nicht nur bei den Republikanern ist das Rennen in Iowa noch offen: Nur wenige Prozentpunkte trennen Umfragen zu Folge Hillary von ihren Verfolgern Barack Obama und John Edwards. Besonders Letzterer hofft, ein Überraschungssieg in Iowa könnte die Krönung Clintons als Präsidentschaftskandidatin der Partei verhindern. 101 Wahlkampfbüros haben die demokratischen Kandidaten in Iowa eröffnet, sie beschäftigen 573 bezahlte Mitarbeiter im Staat. Und pro Tag verzehren diese 58 Doppelzentner Pasta und trinken dazu 1719 Flaschen trockenen Rotweins.
Irre, was?