05.11.2007

Die Kämpferin….

Von Martin Kilian um 15:26 [ Concord, New Hampshire ]
Für alle Präsidentschaftskandidaten spielen die Ehegatten eine informelle Rolle als Berater. Niemand aber ist in dieser Rolle einflussreicher als John Edwards’ Gattin Elizabeth. Edwards, ehemaliger Senator aus North Carolina und 2004 Vizepräsidentschaftskandidat des Demokraten John Kerry, ist der Linke unter den demokratischen Spitzenreitern, ein Populist, der einen Krieg gegen die Armut in Amerika führen möchte und dabei die Gewerkschaften hinter sich hat. Falls er sich bei den Parteiversammlungen der Demokraten Anfang Januar in Iowa gut schlägt, könnte er wenig später in New Hampshire für eine Sensation sorgen.

Zu verdanken hätte er sie vor allem Elizabeth, die ihn antreibt und vielleicht auch deshalb kein Blatt vor den Mund nimmt, weil sie unheilbar krebskrank ist. Im März erfuhr sie, dass ihr Brustkrebs zurückgekehrt ist und sich Metastasen gebildet haben. Am Sonntag besucht sie in Concord das örtliche Wahlkampfbüro ihres Gatten, in dem etwa 25 freiwillige Helfer - Gewerkschafter, Studenten, Hausfrauen - auf sie warten. Trotz ihrer Krankheit verbringt sie die meisten Tage im Wahlkampf; einmal im Monat unterzieht sie sich Chemotherapie in einem Krankenhaus. Sie ist eine Kämpferin, die ihren Mann nach den schlimmen Nachrichten im März erst recht in seinen politischen Ambitionen bestärkte.

Nun schüttelt sie Hände und will wissen, was «Tages-Anzeiger» auf Englisch bedeute. Sie ist überzeugt, dass John Edwards der wählbarste der demokratischen Kandidaten ist. Die Nominierung Hillary Clintons würden die Demokraten nur bereuen. Dass ihr Gatte in einem neuen TV-Spot davon spricht, wie sehr die «schlechten Nachrichten» im Frühjahr sie und ihn bewogen haben, noch entschlossener um seine Nominierung zu kämpfen, hat eine Kontroverse ausgelöst: Wie sehr darf ein Kandidat die tödliche Krankheit seiner Frau mit seinem Wahlkampf verknüpfen?


04.11.2007

Don Quichotte lässt grüssen…..

Von Martin Kilian um 16:04 [ Concord, New Hampshire ]

Die Helden des amerikanischen Wahl-Marathons sind nicht die Spitzenreiter, die einen Medientross im Schlepptau haben und Spendengelder wie andere Leute Briefmarken sammeln. Die wahren Heroen sind Figuren, deren Aussichten, jemals im Weissen Haus zu regieren, nur geringfügig besser sind als die von Donald Duck.

Auf beiden Seiten sind diese Toren zu finden: Bei den Republikanern waren es Senator Sam Brownback und der ehemalige Gesundheitsminister Thommy Thompson, die inzwischen das Handtuch geworfen haben und ausgeschieden sind. Bei den Demokraten ist die Liga der krassen Aussenseiter noch intakt; ihr gehören der quirlige Kongressabgeordnete Dennis Kucinich wie auch die beiden Senatoren Joe Biden und Chris Dodd an. Sie bewegen sich zwischen null und drei Prozent, gieren indes nach dem Rampenlicht, welches eine Präsidentschaftskandidatur automatisch mit sich bringt: Lobbys und Verbände in New Hampshire laden sie ein, gleich Wanderpredigern pilgern sie von einem Event zum nächsten.

Wie die Favoriten aber müssen auch sie sich durch Berge mittelmässigen Essens futtern und Hände schütteln, bis ihre Haut Blasen entwickelt. Überdies halten sie so viele Reden, dass sie des Abends wie ein Lounge-Singer nach einer Flasche Whiskey und drei Packungen Zigaretten tönen. Zu gewinnen gibt es dabei nichts, irgendwann später aber belohnt sie der Glaube, das Weisse Haus nur um Haaresbreite verpasst zu haben.

Senator Dodd hat zwar ein Hauptquartier in New Hampshire sowie Geld und einen über den Staat verstreuten Stab, eine Chance aber hat der smarte Senator aus Connecticut nicht. Dessen ungeachtet verspricht er dem Publikum stets, dieses und jenes zu erledigen, sobald er im Weissen Haus gelandet sei. Dass er gegen Null tendiert, ficht Dodd nicht an: Augen zu und durch, Baby!

Am Samstag absolvierte der Senator bereits am Morgen ein volles Programm, ehe er um die Mittagszeit in Concord erwartet wurde, wo eine progressive Umweltorganisation eine Kundgebung hielt. Etwa 40 Teilnehmer hatten sich vor dem Staatsparlament versammelt, um Massnahmen gegen den Klimawechsel zu fordern. «Rettet unseren Ahornsyrup», stand auf einem der Plakate; wegen der Erderwärmung produzieren New Hampshires Ahornbäume anscheinend immer weniger Syrup.

Da vom Senator weit und breit nichts zu sehen war – die Uhr bewegte sich bereits auf zwei zu - durfte jeder etwas sagen, ja nahezu verzweifelt suchte der Moderator nach Rednern. Gerade begann es zu regnen, als der Kandidat - perfekt gestylt und mit einer eleganten grauen Mähne - seinem Auto entstieg, etwas zuwartete, bis man ihn als «nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten» vorgestellt hatte – und sodann zum Podium schritt und nass wurde, ehe jemand einen Schirm über ihn hielt. Er sprach überzeugend zum Thema Erderwärmung und enteilte nach der Beantwortung einiger Fragen in ein Altersheim, um dort Senioren für sich zu gewinnen.

Später fuhr Senator Dodd zum jährlichen «Spaghetti-Dinner» der Demokraten im Städtchen Keene, wo er als Redner auftrat und Spaghetti verzehrte. Aber immerhin darf sich der Senator zugutehalten, auch einmal in New Hampshire kandidiert zu haben. Und bestimmt überkommen ihn dereinst wehmütige Erinnerungen an seine Donquichotterie.





Mediale Randale.....

Von Martin Kilian um 02:56 [ Concord, New Hampshire ]
Bei grösseren Ereignissen errichten die Wahlkampfstäbe der Kandidaten erhöhte Plattformen, damit die Medien besser gaffen und die TV-Kameras die jeweiligen Politicos erregend ablichten können. Die medialen Beziehungen auf diesen Plattformen sind leider extrem problematisch. Eigentlich sollten Print, TV, Radio und Internet darauf friedlich koexistieren, doch kam die Fernseh-Truppe am Freitag beim Hillary-Fest in Concord bereits gereizt an, schleppte schwitzend ihre Ausrüstung auf die Plattform und reagierte ausgesprochen muffig, als eine Kollegin mit einem Notizblock – sonst keine Ausrüstung - ebenfalls das Treppchen zur Plattform hochkletterte.

Umgehend wurde sie von einem Kameramann barsch ins Exil verwiesen, sie habe hier nichts zu suchen, es fehle an Platz, was sie sich überhaupt einbilde. Danach musterte dieser Berserker mich. Was ich da in der Hand halte? Wohl im Spielzeugladen gekauft? Spontan wollte ich diesem Menschen ein jodelndes «Fuck you» zuwerfen, erinnerte mich jedoch, dass a) der Gebrauch dieses Schimpfworts absolute Ideenlosigkeit verrät; b) Heidegger diesen Begriff bei einer Wanderung im Hochschwarzwald schon 1937 als «für sich nicht seiend» abgelehnt hatte; und c) der Blog jugendfrei ist, weshalb jeder Hinweis auf die menschliche Fortpflanzung zu unterbleiben hat. Statt dessen warf ich schüchtern ein, es handle sich um eine richtige Filmkamera, sogar in «High Definition» nehme sie auf – und direkt auf eine Festplatte! -, wiege aber nur anderthalb Pfund und sei mithin ein Triumpf der Miniaturisierung.

Darauf musterte mich der renitente Meister der bunten Bilder mitleidig und erklärte mich zu einem Fall für den medialen Sandkasten, worauf ich erwiderte, nirgendwo stehe geschrieben, dass eine Kamera eine Tonne wiegen müsse. Mit der Miniaturisierung beim TV sei es eben so eine Sache, wagte ich mich frech vor: Miniaturisiert worden seien in diesem tragischen Medium leider nicht die Kameras, sondern die Hirne der Mitarbeiter und Zuschauer. Danach versiegte unsere Konversation, weil Hillarys Fans nach Hillary zu schreien begannen und uns auf der Plattform – ob miniaturisiert oder nicht - zusehends schlecht wurde vom grauenhaften Pop, mit dem der Stab der Kandidatin die Veranstaltung akkustisch vermüllte.


02.11.2007

Die charmanteste Wahl Amerikas..

Von Martin Kilian um 18:36 [ Concord, New Hampshire ]

Der gestrige Freitag mochte kühl sein, an der belebtesten Kreuzung in New Hampshires kleiner Staatshauptstadt Concord aber warben enthusiastische Freiwillige unweit des Kapitolsgebäudes mit seiner vergoldeten Kuppel schon am frühen Morgen für ihre Kandidaten: Links der Hauptstrasse liess man die Demokratin Hillary Clinton hochleben, auf der gegenüberliegenden Seite grüssten die Anhänger des republikanischen Senatoren John McCain.

Längst haben sich die innerparteilichen Vorwahlen in New Hampshire zu einem heiligen Ritual amerikanischer Politik entwickelt; nirgendwo sind die Wähler ähnlich engagiert und informiert wie in diesem kleinen Staat in Neuengland. Manchmal hat diese Vorwahl Geschichte gemacht, so etwa 1968, als Präsident Lyndon Johnson das Handtuch warf, nachdem der gegen den Vietnamkrieg kandidierende demokratische Senator Eugene McCarthy ein überraschend starkes Ergebnis in New Hampshire erzielt hatte. Oder 2000, als John McCain den republikanischen Favoriten George W. Bush besiegte.

New Hampshire hat Präsidenten gemacht oder sie verhindert, und eifersüchtig wacht der Staaat über «seine» Vorwahl, die, so schreibt die Staatsverfassung vor, stets die erste der Nation sein muss – obschon landesweit der Unmut wächst, dass ausgerechnet das untypische New Hampshire – zu klein, zu wenige Minderheiten, zu ländlich - die Rolle des Vorreiters spielen darf. Weil andere Staaten das Datum ihrer Vorwahlen immer weiter nach vorne rückten, wird in New Hampshire voraussichtlich bereits am 8. Januar abgestimmt.

Sicher aber ist der Termin nicht; der Sekretär des Staats, Bill Gardner, wird nicht zögern, das Datum auf den Dezember zu verlegen, falls ein anderer Staat vorprescht. Dahinter steckt mehr als nur Eitelkeit, denn der Urnengang ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden; allein bei der Vorwahl 2000 flossen über 260 Millionen Dollar nach New Hampshire, 83 Millionen davon dank der Kandidaten und Medien. Jetzt dürfte noch mehr Geld hereinkommen: Die Spitzenreiter in den jeweiligen Kandidatenfeldern haben beachtliche Organisationen aufgebaut, Hillary Cinton etwa verfügt über 16 Büros im Staat, ihre Rivale Barack Obama über 15.

Die Zahlen aber sagen nichts aus über den Charm dieser Vorwahl, bei der den Bürgern New Hampshires die einmalige Gelegenheit geboten wird, die Kandidaten hautnah zu erleben, sie in ihre Wohnzimmer einzuladen oder ihnen auf hunderten von Veranstaltungen knifflige Fragen zu stellen. So waren sie denn gestern wieder unterwegs in New Hampshire: Rudy Giuliani im entlegenen Norden des Staats, die Senatoren Joe Biden, Chris Dodd und John McCain in New Hampshires grösster Stadt Manchester.

Und Hillary Clinton befand sich in Concord, wo sie bei Staatssekretär Gardner die offiziellen Papiere zur Teilnahme an der Vorwahl unterzeichnete. Vor dem Kapitol wartete die Menge geduldig, bis die Senatorin – in einem grauen Hosenanzug – unter Jubel erschien. Choreografiert bis ins Kleinste und scharf bewacht von den Leibwächtern des Secret Service war der Auftritt der Kandidatin. Ihre Rede – gegen Bush und Konsorten, Schluss mit dem Krieg im Irak, mehr Chancen und mehr Mehr für alle – ist stets die Gleiche und gut genug für einen Wahlkampf.


Mit Orville and Wilbur nach New Hampshire......

Von Martin Kilian um 04:18 [ Concord, New Hampshire ]
Die Logistik amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe ist absolut atemberaubend. Divisonen von Helfern werden in die Schlacht geworfen, Hillary etwa kommandierte unlängst mindestens einhundert zusätzliche Vasallen in den Neuengland-Staat New Hampshire (New Hamster?), wo Anfang Januar die ersten innerparteilichen Vorwahlen stattfinden, um sich so einen Sieg in diesem Mini-Staat (mehr darüber morgen) zu sichern.

Für den Chronisten dieses geilen Strebens nach Macht ergeben sich ebenfalls logistische Anforderungen. Etwa das Befördern eines Rucksacks mit 20 Pfund Computer, Kabel, Drucker, Kamera und so weiter – der helle Wahn. So fliegt man vollbeladen von Washington nach New Hampshire über Newark im Staat New Jersey (umsteigen!) – und kommt auf den Horror, weil die Maschine von Washington nach Newark älter ist als man selber. Die Sitze des kleinen Embraer-135-Jets sind so durchgesessen, dass man sich unten beim Gepäck wähnt, kaum wagt man, die Armlehne zu berühren, weil sie so…..unappetitlich…ist.

Dachte nach der Landung in Newark, ich schaue mal ins Cockpit hinein, und siehe da: Orville und Wilbur pilotierten! Die Gebrüder Wright! Empfehlung an Continental Express Airlines: Nach 30 Dienstjahren das Ding vielleicht doch auf den Schrott werfen, mitsamt Orville und Wilbur. Aber die amerikanischen Fluggesellschaften fliegen insgesamt die ältesten Flotten der westlichen Welt. Sogar Doppeldecker!

Und dann, am Abend und mit mehreren Stunden Verspätung (Memo an Continental Express: Technische Probleme am Apparat treten öfter auf, wenn dieser vor 1924 gebaut wurde), trifft der Amerikanist nach der Landung in Manchester, New Hampshire, mittels Mietwagen im geliebten Concord, der kleinen Staatshauptstadt von New Hampshire, ein. Das Kapitolsgebäude in Concord, worin das Staatsparlament tagt und sich seit zig Jahren jeglicher Besteuerung der Einkommen rustikal verweigert, hat er immer besonders gemocht, weil es so neuenglisch ist – spröde, schmucklos, nix Barock und eine Spur puritanisch.

Dass die Autokennzeichen des Staats überdies besagen, man solle entweder frei leben oder sterben («Live Free or Die»), offenbart einen feinsinnigen Demokratiebegriff frei nach John Wayne. Der Rest der Show ist ebenfalls – für ein Wochenende - in New Hampshire eingetroffen: Rudy, Hillary, die minderen Kandidaten, die Wahnsinnigen. Ein Wochenende also mit den Politicos, wie ich es in New Hamster erstmals 1984 erlebte. 1984? Ich bin fast so alt wie die Mühle, mit der ich heute von Washington nach Newark düste. Memo an Continental Express: Wenn euere Flugzeuge älter werden als ich, sollten sie aus dem Verkehr gezogen werden.