27.1.2008

Geschichten aus South Carolina….

Von Martin Kilian um 04:22 [ Columbia, South Carolina ]
Erneut bin ich in South Carolinas Staatshauptstadt Columbia zur zweiten Vorwahl, der demokratischen. Die Republikaner wählten ja bereits vor einer Woche in South Carolina. Aus allen Nähten platzt die Stadt an diesem demokratischen Wahltag, überall sind Satelliten-Lastwagen geparkt, und Lohnschreiber und TV-Fuzzis bevölkern die Hotels.

Kaum angekommen wurde ich von einer netten, aber sehr bestimmten Mitarbeiterin Barack Obamas namens Michele Hardman stellvertretend für die gesamte Zunft gerügt: Wir liessen den Clintons viel zu viel durchgehen, sagte Michele, denn jeder wisse schliesslich, wie toll Mr.Bill es treibe. Worauf ich nur sagen konnte, es sei mir gleichgültig, was Mr.Bill mit wem treibe, denn grundsätzlich sollten sich die Medien aus den Privatleben von Politicos gefälligst heraushalten. Nein?

Der englischsprachige Al-Dschasira-Sender ist ebenfalls in Columbia und lud mich zur Wahlparty in einer Kneipe ein. Al-Dschasira-Produzent Jeremy Young erzählte, was geschah, als er mit seiner TV-Crew in Städtchen Dillon eine Schule besuchte. Anlass war ein hervorragender Dokumentarfilm namens «Corridor of Shame» über den unglaublichen Zustand vieler ländlicher Schulen in den armen und überwiegend schwarzen Bezirken South Carolinas entlang des Highways 95. Anfänglich hatte der Rektor der Schule in Dillon nichts dagegen, dass gefilmt wurde, doch als ihm dämmerte, wer da filmte, warf er Young und dessen Team auf der Stelle hinaus. Woraus ich schloss, dass es ein harter Job ist, für Al-Dschasira zu arbeiten.

Nicht nur der arabische Sender aber ist in den Hirnen mancher Leute mit Terroristen verlinkt. An der Bar des Liberty Grill sagte gestern ein Gentleman aus Kershaw, South Carolina, nie würde er Obama wählen, denn der sei ein Terrorist. Osama Obama…Barack Hussein….der Unsinn wird im Internet verbreitet mitsamt der Lüge, der schwarze Senator aus Illinois sei ein Muslim und in einer Madrasse in Indonesien erzogen worden. Ein Teil dieses Bullshits ist offensichtlich hängengeblieben.

Ausserdem hatte ich die Ehre, Jonathan Rosales und seine Gang aus Austin, Texas, zu treffen. Die Jungs haben ein ergötzliches Videospiel entwickelt, bei dem Tiergestalten um die Präsidentschaft kämpfen. Das Spiel trägt den Namen «Hail to The Chimp» - in Anlehnung auf die amerikanische Präsidenten-Hymne «Hail to the Chief.» Jonathan und Konsorten werben für ihr Produkt, indem sie sich in Tierkostüme werfen und bei Wahlkampfveranstaltungen aufkreuzen. Bei einem Hillary-Event am Freitag wurde den Tieren indes der Zutritt verweigert. Obschon sie doch so putzig aussehen!

22 Uhr in Columbia, South Carolina. Welch ein Sieg für Barack Obama! Und welch eine Koalition von Wählern! Und die Wahlbeteiligung? PHÄNOMENAL!

PS. Caroline Kennedy, John F. Kennedys Tochter, hat sich für Obama erklärt. Ein Präsident wie ihr Vater wäre er, schreibt sie in der Sonntags-Ausgabe der New York Times. Hmm…Erinnert Obama nicht eher an Carolines Onkel Bobby Kennedy?

Wahltag in Columbia....


21.1.2008

Dr.King in Columbia......

Von Martin Kilian um 18:01 [ Columbia, South Carolina ]
Ungewöhnlich kalt ist der Morgen, überwiegend Afroamerikaner aber brechen am nationalen Gedenktag für Martin Luther King dennoch zum alljährlichen Marsch durch die Strassen von South Carolinas Staatshauptstadt Columbia auf. Montagmorgen ist es, und die Menge versammelt sich vor einer schwarzen Kirche, von wo sich der Zug bis zum Kapitol des Staats bewegen wird. Von besonderer Natur ist der diesjährige Gedenktag, denn im April vor 40 Jahren wurde der Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger in Memphis im Staat Tennessee ermordet.

Ausserdem beginnt an diesem Montag die heisse Phase des demokratischen Präsidentschaftsvorwahlkampfes in South Carolina. Die Republikaner stimmten bereits ab, die Demokraten aber werden am kommenden Samstag wählen – weshalb die beiden Spitzenkandidaten Hillary Clinton und Barack Obama den Gedenktag für King in Columbia begehen. Nahezu die Hälfte der demokratischen Wähler in South Carolina sind Afroamerikaner, man umwirbt sie, da sie am Samstag den Ausschlag geben werden.

Vor der Zion-Baptistenkirche an der Washington Street wird es plötzlich laut, als umgeben von Sicherheitsbeamten ein schlanker Afroamerikaner einem der Autos entsteigt: Barack, Barack, jubelt die Menge. Er winkt. Er lächelt. Und er weiss, dass er die Vorwahl in South Carolina gewinnen muss. Verliert er hier gegen Hillary Clinton, kann er einpacken, das demokratische Rennen wäre so gut wie gelaufen.

Der Zug setzt sich in Bewegung, mittendrin Senator Obama, dessen Position stets erkennbar ist, weil Dutzende von Mikrofonen über seinem Kopf schweben und aufgeregte Kameramänner versuchen, Obama im Trubel des Zugs abzulichten. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, ein Hubschrauber kreist über der Stadt. Und wo immer Columbias Afroamerikaner die Strassen säumen, brandet Jubel auf, wenn Obama in Sichtweite gerät. Barack, Barack, Barack.

Was ginge Martin Luther King wohl durch den Kopf, wenn er diese Szene betrachten könnte? Obama ist ein Kind der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die er indes hinter sich gelassen hat wie viele Afroamerikaner seiner Generation, die den Kampf um schwarze Bürgerrechte und das Ende der Rassentrennung im amerikanischen Süden nur noch aus Filmen und Büchern und aus den Erzählungen der Älteren kennen.

Barack Obama ergriff die Möglichkeiten, die Kings Generation schuf – und nun möchte er als erster ernstzunehmender schwarzer Präsidentschaftskandidat diese Möglichkeiten neu definieren. Der Zug erreicht den Platz vor dem Kapitolsgebäude, wo aus Lautsprechern die Stimme Kings ertönt, Auszüge aus seinen berühmtesten Reden, unsterbliche Sätze, deren Bedeutung nicht im geringsten verblasst ist.
Hillary Clinton wird eine Rede halten, und Obama wird ebenfalls eine Rede halten. Die Politik steht auch an diesem Ehrentag für Martin Luther King nicht still. Fünf Tage sind es bis zur Vorwahl.



20.1.2008

Angus Young! Nein?

Von Martin Kilian um 20:21 [ Columbia, South Carolina ]
Wow! John McCain hat die republikanische Vorwahl in South Carolina gewonnen! Verdientermassen! Und damit bleibt uns Pastor Huckabee höchstwahrscheinlich erspart. Der nette Huckabee verfasste übrigens ein Buch über jugendliche Killer («Kids Who Kill») mit einem Ko-Autor namens George Grant. Der hat es in sich und ist ein rabiater Fundamentalist, der den Staat nach biblischem «Recht» organisieren möchte und die Todesstrafe für Schwule forderte. Ein richtiger Ayatollah also!

Aber will Amerika einen Präsidenten, der wie McCain bei seiner Amtseinführung 72 Jahre alt wäre? Alle schreien nach Veränderung – und die soll ein Mann besorgen, der seit zwei Jahrzehnten in Washington arbeitet und am Ende seiner ersten Amtszeit 76 Jahre alt wäre? Nur eine Frage, da ich mich noch recht gut an Ronnie Reagan erinnere, der, was immer seine Bewunderer auch sagen mögen, gegen Ende seiner Amtszeit mental nicht mehr so ganz präsent war. Siehe Irancontra. Und manches andere mehr.

Bei mir übrigens auch…..wenn die Sätze krümeln..ähh..weil die Synapsen…..Sie wissen schon…abgeschliffen..Herrje, wo ist der Strichpunkt hin? Entwischt ist er mir!...Der Vollbesitz der geistigen Kräfte…nicht wahr, Hölderlin…die Umnachtung….!

Entschuldigung, wo waren wir stehengeblieben? Bei AC/DC? Angus Young? Nein? Bei den Bankern, die uns in die Kreditkrise geritten haben, weil sie unfähig waren, das Kreditrisiko ihrer Klientel zu beurteilen? Weshalb man ihnen eine Schiffsladung Kauri-Muscheln (eine erste Leitwährung!) statt Geld geben sollte? Damit sie etwas zum Spielen haben, jedoch keine Schäden anrichten können?

Jesus, wo waren wir? Ahh, bei McCain! Ist er zu alt? Nein? Hat er eine zu kurze Lunte? Nein? Gibt es jemanden im Senat, der besser und mehr flucht als er? Nein? Und einen, der ehrlicher wäre? Kaum? Wie regierte ein Präsident McCain? Hundert Jahre Krieg? Nein? Würde er den Bankern ihre Kauri-Muscheln wegnehmen? Nein? Und wieso sind wir hier bei Kauri-Muscheln gelandet? Mein Gott, wie es einem das Hirn vernebelt! Angus Young! Nein?


19.1.2008

«Wählt für die Bibel!»

Von Martin Kilian um 19:17 [ Columbia, South Carolina ]
Republikanischer Wahltag in South Carolina! Es regnet in Columbia, im Norden des Staats wird sogar Schnee erwartet. Und bis zuletzt wurde Wahlkampf gemacht. In der Staatshauptstadt Columbia kroch ein Mini-Van mit einem älteren Herren am Volant durch die Innenstadt, auf dem Dach Lautsprecher, aus denen christliche Country-Music dröhnte. Die Kiste war mit Plakaten beklebt: «Wählt für die Bibel!». Und: «Mike Huckabee for President». Unweit der Innenstadt im Liberty Grill hatte sich CNN ausgebreitet, um von der Kneipe live vom Wahlkampf in South Carolina zu berichten. Vor dem Liberty Grill stand der riesige Reisebus von CNN, in dem die Korrespondenten des Senders die Vorwahlstaaten bereisen. Und ich vertreibe mir die Zeit bis zum Bekanntwerden der ersten Resultate mit der Musik des in Texas geborenen und in Kalifornien aufgewachsenen Songwriters Alejandro Escovedo. Absolute Spitze!