09.11.2007

Poesie auf der Prärie….

Von Martin Kilian um 17:27 [ Chariton, Iowa ]
Da stand er also, der Rockstar der amerikanischen Politik, ein schwarzer Senator und Präsidentschaftsanwärter, vor einem weissen kleinstädtischen Publikum im Hinterland Iowas – und bezauberte die Menge. Barack Obama hatte sich angekündigt, und die Bürger Charitons, neugierig und erstaunt, dass er bei ihnen vorbeischaute, waren in Scharen gekommen, um das Wunderkind der amerikanischen Politik zu sehen und sich in der Wahlnacht Anfang Januar, wenn Iowas Demokraten bei den Parteiversammlungen einen Kandidaten bestimmen, vielleicht für ihn zu erklären.

Martin Luther King, so er die Szene hätte betrachten können, wäre erstaunt, ja ungläubig gewesen: Dem ersten ernstzunehmenden afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Geschichte begegneten seine weissen Zuhörer am Donnerstag in Chariton nicht mit Skepsis, sondern mit Zuneigung und Respekt. Er wiederum, dieser verdammt gutaussehende Charismatiker, hatte sie nach wenigen Minuten in der Tasche, weil er ihre Befindlichkeit erkannt und sich darauf eingestellt hatte.

Und die kleinen Leute, die ihn in diesem etwas abgelegenen Winkel Iowas unbedingt treffen wollten, sahen in Barack Obama etwas Neues, etwas, das ihnen so in der Politik noch nie untergekommen war: Einer, der nicht einfach behauptet, er wolle das polarisierte Land zusammenbringen und die verhärteten Fronten in Washington aufweichen, sondern dem das schier Unmögliche zugetraut werden könnte.

Im Vergleich zu ihm ist Hillary Clinton, seine schärfste Konkurrentin um die demokratische Kandidatur, eine eher konventionelle Politikerin, dazu Prosa, indes er Poesie ist. Nicht, dass es ihm an Substanz mangelte: In Chariton verwies er auf seine neuen Vorschläge zur Sozialpolitik, keine weitausgreifenden Ansätze, aber doch spürbare Erleichterungen für die angespannten amerikanischen Leben. In der Aussenpolitik, auch das bekräftigte er am Donnerstag, ist der Senator aus Illinois gewillt, mit allen Feinden der Vereinigten Staaten zu reden, ohne dabei andere Optionen aufzugeben.

Instinktiv spürt das Publikum an diesem Herbstnachmittag in Chariton, dass Obama im Weissen Haus ein Revolutionär wäre, weil er das Atmosphärische in der amerikanischen Hauptstadt veränderte – und deshalb weit mehr als Hillary Clinton über den sich spinnefeind gewordenen Parteien stünde. Warum also, so auch die Frage in Chariton, ist dieses politische Naturtalent nicht der klare Spitzenreiter im demokratischen Feld? Vielleicht, weil er sich im Verlauf des bisherigen Wahlkampfes zu sehr zurückgenommen hat, wie ihm manche seiner Anhänger vorwerfen? Oder ist es die mangelnde Erfahrung, wie es feindliche Lager immer wieder behaupten?

Tatsache aber ist, dass Barack Obama gerade unter jungen Amerikanern ein Feuer entzündet hat, dass sich noch immer zu einem politischen Flächenbrand ausbreiten könnte. Auch in Chariton sind es Twens, welche seine Vorausabteilung bilden, auch hier strömen viele Kids in die Versammlungshalle. Über Altersgrenzen und Schichten hinweg aber wird in Chariton erkennbar, dass Barack Obama die womöglich grösste Verheissung der amerikanischen Politik seit John F. Kennedy ist. Nun muss er, in Iowa und New Hampshire und anderswo, um die Gelegenheit kämpfen, dies unter Beweis stellen zu dürfen.