Eigentlich sollte Paranoia einsetzen in Boise, der Hauptstadt Idahos. Der Staat gilt als bis in die Knochen konservativ, vor Jahren machte er Schlagzeilen durch sein Sammelsurium durchgeknallter Neonazis. Idaho ist weiss und republikanisch und eben einer jener Staaten in den Rocky Mountains, wo die Republikaner einen Ziegenbock als Kandidaten hätten präsentieren können, ohne ihre Wahlchancen dadurch allzu heftig zu mindern.
Aber etwas Frisches und für John McCain nicht unbedingt Erkleckliches liegt in der Bergluft der Rockys – und Boise kann als Beispiel für diesen Wandel zitiert werden. Die lebens- wie liebenswerte Innenstadt ist belebt, und wenige Strassenzüge vom schmucken Kapitol des Staats feiern Boises baskische Einwanderer – sie kamen als Schafhirten nach Idaho – ihr ethnisches Erbe. Von Neonazis natürlich keine Spur, auch verrät das Treiben in der Innenstadt, dass Boise hip geworden ist. Dahinter verbirgt sich eine bemerkenswerte Story dieses amerikanischen Wahlkampfs: Gilt seit Lyndon Johnson, dass der alte konföderierte Süden und die Rockys die zwei Hauptsäulen des republikanischen Konservatismus bilden, so liebäugeln die Bergstaaten des Westens, von Montana an der kanadischen Grenze bis hinunter nach New Mexico, jetzt zunehmend mit den Demokraten.
Zwei Washingtoner Senatssitze verloren die Konservativen bei den Wahlen 2004 und 2006 in der Region, im Herbst werden weitere republikanische Pfründen in den Rockys an die Demokraten wechseln. Sowohl in Colorado als auch in New Mexico liegen demokratische Senatskandidaten klar vor ihren republikanischen Rivalen. John McCain muss überdies fürchten, dass ihm bislang überwiegend republikanische Bergstaaten wie Montana und Colorado im November abhanden kommen könnten. Und selbst in Idaho weht ein frischer Wind: Als Barack Obama den Staat vor der demokratischen Urwahl besuchte, jubelten ihm 13000 Menschen zu. Und nach seinem haushohen hiesigen Sieg über Hillary Clinton schielt das Lager des demokratischen Kandidaten nun auf Idaho, wo seit Lyndon Johnson kein demokratischer Präsidentschaftskandidat gewonnen und seit 1994 kein Demokrat ein staatsweites Amt bekleidet hat.
Zum einen zieht es mehr und mehr eher liberale Bürger aus Kalifornien und dem amerikanischen Osten nach Idaho, zum anderen werden die «Idahoans» mit den gleichen Problemen konfrontiert wie ihre Mitbürger an den Küsten: Ein idiotisches Gesundheitswesen, sinkende Hauspreise, beträchtliche private Verschuldung, hohe Energiepreise. Zumal sich sogar in den Rockys ein genereller Überdruss am Konservatismus republikanischer Prägung breitmacht, der nach einem Vierteljahrhundert ideologischer und politischer Vorherrschaft schal und altbacken geworden ist. Kippen Teile der Region im November, dürfen sich die Demokraten selbstverständlich auch bei George W. Bush bedanken, der seine eigene Partei überzeugender in Misskredit gebracht hat, als dies ein Demokrat jemals hätte tun können.
Barack Obama mag in Idaho verlieren, die Demokratische Partei, die den Staat in der Vergangenheit politisch kaum wahrnahm, wittert indes Morgenluft und möchte zumindest einen Sitz im Washingtoner Repräsentantenhaus erobern, nämlich jenen des republikanischen Abgeordneten Bill Salis. Selbst manche seiner Parteifreunde in Idaho halten den angestrengt sozialkonservativen Salis für einen Wirrkopf, der bereits vor seiner Washingtoner Karriere in Idahos Staatsparlament allerlei Unsinn verzapfte. Unter anderem behauptete er, es existiere ein Zusammenhang zwischen Abtreibungen und Brustkrebs.
Es ist diese Art dummdreister Belehrung, welche in den libertär ausgerichteten Rockys zusehends nervt. Die Region, von Montana bis nach Colorado und von Idaho bis Nevada, könnte John McCain im Herbst mithin eine schmerzliche Überraschung bescheren – und den tiefen Süden als einzige republikanische Bastion isolieren.
