28.7.2008

Anna und Miguel...

Von Martin Kilian um 15:52 [ Boise, Idaho ]
Anna und Miguel trinken auf dem Balkon einer Bar. Unter ihnen saust Boises Verkehr vorbei. Miguel ist 35. Anna schätzungsweise 34. Oder 30. Sie leben in Nampa, etwa zwanzig Kilometer ausserhalb Idahos Staatshauptstadt Boise. Fünf Kinder haben sie. Das Älteste ist 16. Heute Abend erholen sie sich von den Kindern. Und Anna hat sich hübsch gemacht.

Miguel sagt, in Boise treffe man immer interessante Menschen. Er hat noch nie das Meer gesehen. Nur zwei Mal in seinem Leben hat Miguel Idaho verlassen. Einmal reiste er nach Arizona, ein andermal nach Texas. Er hat die Figur eines Rausschmeissers und trägt in jedem Ohr einen Ring. Seine Eltern zogen von Colorado nach Idaho. Vor langer Zeit, denn Miguel ist in Idaho geboren. Anna kam in Edinburgh nahe der mexikanischen Grenze in Texas zur Welt. Beide sind sie Latinos. Und beide schimpfen sie über illegale Einwanderer. Sie fegten den Arbeitsmarkt leer. Anna und Miguel verstehen sich als Amerikaner. Mexiko? Keine Rede davon.

Anna arbeitet in einem Sexshop in Nampa. Miguel war anderthalb Jahrzehnte Landarbeiter in der Gegend um Nampa. Zwiebeln und Kartoffeln hat er geerntet. Der Boss habe ihn beschissen, sagt Miguel. Seit einer Woche fährt er einen Lastwagen und beliefert Kettenrestaurants mit Lebensmitteln. Ein guter Job – mit einer Krankenversicherung für ihn und Anna und die Kinder. Miguel schwärmt von Idaho. Er geht jagen. Idaho kenne keine Vorurteile, sagt er. Anna hingegen findet Idaho langweilig. Sie würde gern nach San Jose in Kalifornien ziehen. Wegen der Vergnügungsparks, die es dort gibt.

Miguel aber will in Idaho bleiben. Nach Berlin würde er gern reisen. Dort gebe es tolle Klubs. Ein Trip nach New York wäre gleichfalls toll. Anna und Miguel waren noch nie an der Ostküste. Anna fragt verlegen, wo Washington sei. Unterhalb von New York? Die Wirtschaftslage werde immer schlechter, sagt Miguel. Aber sein neuer Job! Er habe Glück gehabt. Und Idaho sei eben wunderbar. Vielleicht reiche es einmal nach Berlin. Aber ohne die Kinder, lacht Anna.


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