Kampf ums Wasser....
| Von Martin Kilian um 17:19 | [ Apalachicola, Florida ] |

Nun aber geht dem Paradies das Wasser aus und droht Apalachicola zum Opfer der oftmals planlosen amerikanischen Zersiedlung zu werden. Die Energiekrise zwingt die Amerikaner zum Umdenken; urbanes Wachstum muss künftig besser geplant werden, ja es wäre sogar denkbar, dass sich das Zeitalter von Suburbia und Exurbia steigender Benzinpreise wegen dem Ende zuneigt. Für Apalachicola könnte dieses Umdenken jedoch zu spät kommen. Denn wie ein nimmersatter Moloch bedient sich hunderte Kilometer flussaufwärts die schnell wachsende Millionenmetropole Atlanta im Staat Georgia aus den Fluten zweier Flüsse, die im Süden Georgias zum Apalachicola River zusammenfliessen – und nimmt den Austern in der Apalachicola-Bucht damit das nötige Süsswasser.
Linda Raffield ist die Sekretärin des Verbands der Fischer in Apalachicola, eine um das Wohl der Austernfischer besorgte Frau, die ein Restaurant leitet und seit Jahrzehnten mit einem «Oysterman» verheiratet ist. «Die Austernfischer hier haben schon genug Probleme, zum Beispiel Wirbelstürme», klagt sie. Die Verknappung des Süsswassers könne ihre Existenz jetzt endgültig vernichten. Linda repräsentiert über 1100 «Oystermen»; Atlantas planloses Wirtschaften, so sagt sie, sei nicht nur schlecht für Apalachicola, sondern auch für die Menschen in Atlanta. Doch die Grosstadt im Norden wolle «keine Verantwortung tragen für das, was sie anstellt».
Um Abhilfe zu schaffen, hat Florida gegen den Nachbarstaat geklagt; eine Lösung des Problems wird indes erschwert durch die hartnäckige Dürre in Georgia, die von manchen Klimaexperten als Anzeichen der Erderwärmung gewertet wird. Obendrein verkörpert Atlanta wie kaum eine zweite amerikanische Millionenstadt den Wahn weitgehend ungeplanter Zersiedelung. Laut einer Studie der University of Georgia ist die Stadt zwischen 2001 und 2006 täglich um 22 Hektar Asphalt, Beton und Hausdächer gewachsen. Und lebten in Georgia 1957 knapp vier Millionen Menschen, so bewegt sich die Zahl der Einwohner nun auf zehn Millionen zu.
Wasser? Nie wirklich wurde für die Zukunft geplant, nur ungefähr wissen die zuständigen Behörden, wie gross die jährliche Zunahme des Wasserverbrauchs im Grossraum Atlanta mit seinen über fünf Millionen Einwohnern ist. Um dem rasch steigenden Bedarf nachzukommen, will die Stadt mehr Wasser aus den Flüssen abzweigen. «Wenn wir diesen Kampf verlieren, ist es vorbei mit unserem Erbe und der Art und Weise, wie wir leben», sagt Dave McLain. 28 Jahre verbrachte McLain in der Armee, nun ist er Direktor für politische Planung bei den «Riverkeepers», einer Umweltorganisation zum Schutz amerikanischer Flüsse.
Fünfeinhalb Milliarden Dollar erwirtschaftet jährlich der Grossraum Atlanta, rund 200 Millionen bringt die Fischerei in und um Apalachicola ein. «Aber wir schulden es unseren Kindern und Enkeln, dass wir neben der Wirtschaft auch die Umwelt berücksichtigen,» meint McLain. Werde ein tragfähiger Kompromiss zwischen den Staaten Georgia und Florida erzielt, sei es noch nicht zu spät für die Austernfischer von Apalachicola, hofft McLain. Andernfalls wird nach dem Verschwinden der Shrimps in Apalachicola bald auch die göttliche Auster ein Genuss der Vergangenheit sein.
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