05.8.2008

Ein Sieg der Jungen?...

Von Martin Kilian um 16:26 [ Madison, Wisconsin ]
Erstmals seit dem hart erkämpften Sieg über Hillary Clinton und seiner Salbung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten lag Barack Obama in einer nationalen Umfrage vorgestern hinter seinem republikanischen Rivalen John McCain; zwar ist der Rückstand knapp, doch dürfte er eine Folge von McCains Attacken und Obamas mangelhafter Gegenwehr sein. Um Wisconsins Staatshauptstadt Madison braucht sich der Senator aus Illinois freilich keine Sorgen zu machen: Bei der demokratischen Vorwahl überfuhr Obama seine Konkurrentin Hillary Clinton in Madison, auch im November wird die Stadt auf seiner Seite sein.

Schliesslich ist Madison Heimat der University of Wisconsin, die bereits in den Sechzigern als liberal-progressive Hochburg galt. Und wie andernorts, so bilden die Jungen auch im Käse-Staat Wisconsin das Rückgrat des Obama-Wahlkampfs. Die Jungen gingen nie wählen, lautete die Klage der letzten Jahrzehnte. Sie seien politisch passiv, ja scherten sich einen Dreck um die Politik. Und wer als amerikanischer Politico auf junge Wähler setze, werde unweigerlich enttäuscht werden. Barack Obamas Kandidatur aber hat bei jungen Amerikanern zwischen 18 und 29 Jahren eine selten gesehene Begeisterung ausgelöst, weshalb manche Kommentatoren bereits von einer «politisch engagierten Generation» schwärmen.

Während John McCain bei Wählern über 55 klar führt, sind die Jungen überwiegend im Lager Obamas zu finden. So auch in Wisconsin, wo der Stab des demokratischen Kandidaten nahezu einhundert junge Helfer in über 20 Wahlkampfbüros dirigiert. Viele der smarten Twens sind Studenten an der University of Wisconsin, und sie bilden das Rückgrat des Obama-Wahlkampfs im Staat. John McCain hat dem nicht viel entgegenzusetzen; während Obamas Mitstreiter in Seminaren geschult und auf ihrem Einsatz vorbereitet werden, haften dem Wahlkampf des republikanischen Kandidaten in Wisconsin amateurhafte Züge an.

Was Wunder also, dass McCain im «Swing-Staat» Wisconsin, dessen Bürger mal republikanisch, mal demokratisch wählen, derzeit bei Umfragen erstaunliche zehn Prozentpunkte zurückliegt. Die hinter vorgehaltener Hand oft geäusserten Zweifel demokratischer Bonzen in Washington, ob die Jungen im November tatsächlich zu den Wahlurnen streben und Obama wählen werden, statt vor dem TV zu sitzen oder eine Fete zu feiern, sind unterdessen bereits leiser geworden: Die Wahlbeteiligung junger Amerikaner hat sich seit 2000 stetig verbessert, und bei den demokratischen Vorwahlen im Winter und Frühjahr glänzte das Jungvolk mit einer Rekordwahlbeteiligung.

Könnte die Präsidentschaftswahl im November mithin zu einem Show-down zwischen Alt und Jung werden, bei dem sich das junge Amerika erstmals gegen die Senioren durchsetzte? Nach vielen Enttäuschungen (man denke nur an die Wahl 1972, als die Jungen dem Demokraten und Antikriegskandidaten George McGovern doch ins Weisse Haus hätten verhelfen sollen!) nun also eine Sternstunde des jungen Amerika? Wetten würde ich darauf nicht, obgleich die in Madison wahrnehmbare Verehrung Barack Obamas tatsächlich den Eindruck erweckt, das junge Amerika habe in ihm eine Stimme gefunden.

Zum Schluss noch ein Wort in eigener Sache: Der Amerikanist verabschiedet sich heute von den Lesern und wird sich künftig in einer neuen Rolle per Video auf der neuen Webseite des Tagi melden. Ab Freitag geht die Reise dort weiter, von Chicago nach Los Angeles entlang der alten Route 66. Thanks!...and see you later!...


03.8.2008

Mac im Reich der Biker...

Von Martin Kilian um 15:53 [ Sturgis, South Dakota ]
Motorräder verstopfen die Strassen von Sturgis im Präriestaat South Dakota. Knatternde Harleys, um genau zu sein. Denn in Sturgis begann am Wochenende die alljährliche Harley-Davidson-Parade. Eine halbe Million Biker werden im Lauf dieser Woche erwartet, alle von weisser Hautfarbe, viele tätowiert und pikobello auf Biker herausgeputzt, auf dem Sozius oftmals ein «Biker-Chick», wie die Motorrad-Bräute genannt werden.

Sturgis ist ein einziger gewaltiger Supermarkt für die anrückenden Massen. T-Shirts mit Harley-Slogans, Mützen, Lederjacken, was auch immer: Die Biker feiern sich, und sie feiern Amerika. Patriotismus weht durch die Luft, weshalb heute Abend eine Ehrung für die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte mitsamt einem Gedenken für die Gefallenen ansteht. Und wer wird dabei für seinen Dienst am Vaterland geehrt? John McCain natürlich, der eigens nach Sturgis einfliegt, um vor den Bikern eine Rede zu halten, ehe der Haufen anschliessend vom Rocker Kid Rock unterhalten wird.

Man wird dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten sicherlich zujubeln, derweil Barack Obama eben in Berlin zugejubelt wurde. Problematisch daran ist natürlich, dass die Berliner im November keinen amerikanischen Präsidenten wählen, die Biker hingegen schon. Die Szene in Sturgis legt nicht gerade nahe, dass Obama der Favorit der Harley-Gang ist. Ob sie mit dem demokratischen Kandidaten etwas anfangen könnten, sei dahingestellt; sicherlich aber ist McCains Auftritt in Sturgis letzten Endes publikumswirksamer als Obamas Rede in Berlin.

Das Gesichtsbad des Republikaners bei den Harley-Fans in Sturgis markiert nur einmal mehr, wie bedenklich es derzeit um Obama steht. Obschon die Demokraten als haushohe Favoriten in die Kongress- und Präsidentschaftswahlen gehen, verliert ihr Kandidat an Höhe und hat sich bislang nicht als der Favorit etabliert, der er eigentlich sein sollte. McCain ist daran nicht unschuldig: Er und seine Berater wissen, dass sie im November nur gewinnen können, wenn sie Obama in den Schmutz ziehen.

Entsprechend rutschte der Wahlkampf McCains in der vergangenen Woche immer tiefer in den Schlamm ab: Man log dreist, Obama habe sich geweigert, bei seinem Besuch in Deutschland verletzte amerikanische Soldaten zu besuchen. Und danach schaltete McCains Truppe einen Gang zu, indem sie den Demokraten in mehreren Werbespots als eine Celebrity-Figur mit Luft zwischen den Ohren zeichnete. Man warf ihn im TV mit Paris Hilton und Britney in einen Topf und malte Obama als elitären Snob, der bestimmte Edelmarken konsumiere und – siehe Berlin! – als entrückter Promi durch die Welt schwebe.

Ob McCains Rechnung im November aufgeht, steht in den Sternen; immerhin aber ist Obama seit seinem Trip nach Europa ins Trudeln geraten und liegt bei Umfragen nurmehr gleichauf mit McCain. Dass der Republikaner, der doch stets den Ehrenmann gibt, in den politischen Morast herabzusteigen gewillt ist, muss als kalkulierter Versuch gesehen werden, den Wahlkampf auf negativem Terrain zu führen und Obama so unwählbar zu machen. Der hat sich bislang erstaunlich wenig gegen den harten Ton seines Rivalen gewehrt – und läuft mit dieser Zurückhaltung Gefahr, ähnlich wie John Kerry 2004 vom republikanischen Gegner definiert zu werden.

Noch ist für den Demokraten nichts verloren, doch könnte sein Bestreben, über den Niederungen der Politik zu schweben, von der Wählerschaft als eklatante Hilflosigkeit interpretiert werden. Damit erfüllte sich Hillary Clintons interne Prophezeiung, Obama werde unter den Peitschenhieben der Republikaner vergehen und die Wahl verlieren. Vielleicht hätte Barack Obama daher gut daran getan, statt in Berlin in Sturgis aufzutreten. Sich bewundern zu lassen, ist eine Sache. Harley-Biker zu überzeugen eine andere – und politisch wesentlich einträglicher.


01.8.2008

Sheridan wird entdeckt...!

Von Martin Kilian um 17:58 [ Sheridan, Wyoming ]

«Wir installieren einen Kater und warten diesen», verspricht augenzwinkernd das Schild über dem Tresen der «Mint Bar» in Sheridan im Weststaat Wyoming. Der Abend ist noch jung, doch geht es hoch her im Gastraum der Bar, deren Markenzeichen Dutzende ausgestopfter Tiere aus den nahegelegenen Bergen sind. Über der Kasse sind gut lesbar auf einem Blatt Papier die Namen ehemaliger Gäste verzeichnet, die ein Lokalverbot ereilte. Auf die Frage, was denn zu tun sei, um auf ewig verbannt zu werden, klärt die Barfrau lächelnd auf, es bedürfe dazu «mindestens einer Schlägerei».

Willkommen im Wilden Westen, wo Rancher nicht selten über zehntausend Hektar Land gebieten und Cowboys wie Möchtegern-Cowboys der Stoff von Mythen sind. Und wo, um der Langeweile harter Winter und geografischer Abgeschiedenheit zu entgehen, getrunken wird wie kaum irgendwo sonst im weiten amerikanischen Land. Wie viele Städtchen und Flecken im dünnbesiedelten Wyoming hat auch Sheridan das stete Auf und Ab einer Wirtschaft erlebt, die auf Öl- und Gasausbeutung sowie auf Landwirtschaft fusst. Mal war die erst 1882 gegründete Stadt oben, mal war sie unten, immer aber bewegte sie sich im Gleichschritt mit den Energie- und Rindfleischpreisen. Der hohe Preis für Methangas mag derzeit gutes Geld in Sheridans Kassen und Geldbeutel spülen, doch ist der Stadt etwas viel Einträglicheres widerfahren: Sie ist entdeckt worden!

Wunderschön gelegen unweit der Bighorn-Berge ist Sheridan, weshalb es Reiche und Vermögende zusehends hierher zieht. Je nach Sichtweise profitiert die Stadt entweder von der rasanten amerikanischen Konzentration von Reichtum – oder ist zu deren Opfer geworden. John Mossholder wuchs in Sheridan auf und besucht seine Heimat jeden Sommer, um in der Berghütte seiner Familie einige Monate zu verbringen. Sheridan werde «aspenisiert», klagt er unter Anspielung auf das Skiparadies Aspen in Colorado, wo die Reichen die Preise derart in die Höhe getrieben haben, dass das Leben für Normalsterbliche nahezu unbezahlbar geworden ist. An der Hauptstrasse von Sheridan entdeckt Mossholder, dessen Familie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach Sheridan zog, die unertrüglichen Zeichen der «Yuppiefizierung»: Teuere Boutiquen und Kunstgallerien, wo ein Gemälde grasender Hirsche 40000 Dollar und mehr kosten kann.

Betrieben die Mossholders über Jahrzehnte hinweg ein Möbelgeschäft in Sheridan, so bietet die Familie George in ihrem Laden unweit der berühmten Sattlerei der Familie King – sogar Queen Elizabeth kaufte einst dort ein! – traditionelle West-Kleidung an: Cowboyhüte, Jeansröcke und dergleichen. Besitzerin Deana George hält nicht viel von den reichen Neubürgern Sheridans. «Manche von denen leben nur ein paar Monate im Jahr in der Region und bringen der Gemeinschaft ausser steigenden Lebenshaltungskosten nicht viel», sagt sie. «Wir sind bereits der zweitteuerste Landkreis in Wyoming, nur Jackson ist teuerer», mault die Geschäftsfrau.

Wie einst im malerischen Jackson im äussersten Westen Wyomings, wo sich bereits seit Jahrzehnten die Reichen und die Schönen niederlassen und der kleine Flughafen bisweilen mit privaten Jets überquillt, steigen die Landpreise auch um Sheridan rapide an. Und in der Umgebung des Städtchens entstehen Golfplätze, um die herum Villen für Millionäre gebaut werden. Der amerikanische Dollar-Adel weiss eben um die Schönheit der Landschaften in den Berglandschaften des amerikanischen Westens und kauft sich ein. In der «Mint Bar» ist vom «neuen» Sheridan allerdings noch herzlich wenig zu spüren. Und auch Deana George muss sich vornehmlich mit dem «alten» Sheridan herumschlagen: Wiederholt sind die Schaufenster ihres Bekleidungsgeschäfts in den vergangenen Monaten zertrümmert worden. Entweder wurden sie von Betrunkenen eingeschlagen oder die Betrunkenen fielen durch die Scheibe. Einfach so.

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