Tom Morgan macht für den Gast «die Tour», wie er seine Rundfahrt durch New Orleans nennt. Das Thermometer zeigt Temperaturen über 30 Grad Celsius an, die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich. «Solange du einen schweissnassen Nacken hast, weisst du, dass du noch lebst,», scherzt der Musikologe und Radio-Impresario, dessen Streifzüge in die Anfänge des Jazz unter anderem ein preisgekröntes Buch hervorgebracht haben. Morgan moderiert mehrere Musikprogramme beim Sender
WWOZ in New Orleans, ein Musik-Aficionado, der New Orleans liebt und sich hervorragend in der reichen musikalischen Tradition der Stadt auskennt.

Nahezu drei Jahre nach Katrina hat Morgan auf seiner Runde durch die gebeutelte Stadt gleichermassen Grund zu Freude und Trauer. «Die Hälfte unserer Musiker ist noch immer in der Disapora», sagt er und steuert das Auto durch die Strassen des Lower Ninth, jenes Viertels also, das besonders hart betroffen war. Fast pastoral wirkt die Gegend: Wo einstmals Haus auf Haus die Strassen säumte, sind jetzt grüne, von Unkraut überwucherte Felder, dazwischen verfallende Bauten – und da und dort ein tapferer Rückkehrer, der sein Haus instandsetzt und in einem Wohnwagen nebenan lebt.
«Ohne die Arbeit der Freiwilligen käme hier nur wenig voran», bemerkt Morgan und deutet auf eine Gruppe Jugendlicher, die an einem Zementmischer arbeiten. Von überall her kommen die Helfer, um New Orleans, diesem Juwel, aus der schlimmsten Not zu helfen. Immerhin bieten die Klubs im Viertel Faubourg Marigny wieder jede Menge Musik, und mitten im Lower Ninth entsteht dank grosszügiger Spenden unter der Leitung der Hilfsorganisation «Habitat for Humanity» ein Dorf bunter Häuser für Musiker und mit der Musik verbundene Menschen.
Dank des Einsatzes der Freiwilligen kostet ein Neubau nur etwa 75000 Dollar an Spenden und Eigenbeiträgen; die Häuser, klein und in schmucken Pastellfarben, seien schon jetzt 150000 Dollar wert, schätzt Morgan und begrüsst seinen Freund Fred Goodrich, der gleichfalls bei WWOZ arbeitet und auf die Fertigstellung seines Hauses im Musikerdorf wartet. «Weihnachten kann ich einziehen», hofft Goodrich und sorgt sich um das unfertige Dach. Es hat zu regnen begonnen, und jenseits des bunten Musikerdorfs scheint die geschundene Landschaft besonders trostlos. Morgan steuert auf Gentilly zu, eine überwiegend weisse Wohngegend, wo mindestens ein Drittel der Häuser weiterhin unbewohnbar ist. Katrina, sagt er, sei farbenblind gewesen und habe weisse wie schwarze Viertel vernichtet.
Dennoch verströmt der Jazz-Historiker Optimismus: Klar gehe es aufwärts, wenn auch nicht schnell genug. Tatsächlich kriecht die Stadt voran, obschon städtische Dienstleistungen spärlich und manche Probleme nahezu unüberwindbar bleiben. Wir kaufen Lunch bei «Zimmer’s», einem für seine lokalen Spezialitäten bekanntem Geschäft; es stand nach Katrina unter Wasser, die Besitzerin aber weigerte sich aufzugeben. «Das Geschäft ist alles, was ich habe», sagte sie. Wie sie kämpft auch Sylvester Francis um das Erbe von New Orleans, um das also, was unwiederbringlich verloren wäre, so die Stadt nicht wieder auf die Beine käme. In der Claude Avenue betreibt er das
«Backstreet Cultural Museum» und stellt dort unter anderem die fantastischen Karneval-Kostüme des Mardi Gras aus.
Einfach sind die Zeiten gewiss nicht in New Orleans, und schmählich klein ist die Hilfe, die bislang aus Washington eingetroffen ist. Die Menschen aber nehmen die Dinge in die eigenen Hände; Tom Morgan und seine Nachbarn etwa halten den kleinen Park um die Ecke selber sauber, da der Stadt die Mittel dazu fehlen. New Orleans, soviel ist sicher, wird den Washingtoner Präsidenten überdauern, der beschämend hilflos auf die dunkelste Stunde der Stadt reagierte – und auch damit seine Präsidentschaft ruinierte.
Tom Morgan und Sylvester Francis