Tiefe Melancholie bemächtigt sich des Amerikanisten, wenn immer seine Gedanken um El Presidente Jorge Arbusto kreisen, der Washington in nurmehr sieben Monaten verlassen wird. Was hat er doch alles angestellt, dieser umtriebige Texaner, der samt seiner kauzigen Syntax demnächst gen Südwesten nach Crawford reiten wird. Heute etwa wurde bekannt, dass ein Bericht der Umweltschutzbehörde EPA, wonach Luft verschmutzende Treibhausgase reguliert werden sollten, einfach ignoriert wurde. Man werde, bedeuteten Arbustos Unterlinge im Weissen Haus der lästigen Behörde, den als Email abgesandten Bericht einfach nicht öffnen. Und so geschah es denn auch. Problem erledigt.
Jeder Arbusto-Tag brachte und bringt wundersame Dinge, so dass zu hoffen bleibt, El Presidente werde sich auch aus dem wohlverdienten Ruhestand zuweilen mit bemerkenswerten Einlagen melden. Ähnlich seinem ehemaligen strategischen Gehirn Karl Rove, der nun als TV-Kommentator wirkt und sich am Montag über Barack Obama wie folgt ausliess: «Auch wenn du ihn nie getroffen hast, kennst du diesen Typen: Er ist der Kerl im Country Club mit einer schönen Begleiterin, in der Hand einen Martini und eine Zigarette, wie er mit dem Rücken gegen die Wand lehnt und verächtliche Kommentare über jeden abgibt, der vorbeiläuft».
Mit Roves Ex-Dienstherrn verhält es sich natürlich völlig anders: Ungleich dem elitären und an Porfirio Rubirosa erinnernden Playboy Obama ist El Presidente Jorge Arbusto ein Mann des Volkes, ein Kumpel wie du und ich, der statt eines abgehobenen Martinis ein alkoholfreies Bier zischt. Auf diese Masche jedenfalls fielen die amerikanischen Medien 2000 herein und schaufelten Arbusto damit den Weg frei ins Weisse Haus, wo er sich noch immer befindet und staunenswerte Dinge plappert. Wie etwa gestern, als ihn die philippinische Präsidentin Gloria Arroyo besuchte und Arbusto dabei volkstümelte, dass es eine Pracht war.
Er habe Arroyo daran erinnert, jodelte El Presidente, «dass ich immer an das grosse Talent unserer Philippino-Amerikaner erinnert werde, wenn ich Dinner im Weissen Haus habe». Jawohl, ist doch einer der präsidialen Köche ein Philippino! Etwas derart volksnahes würde Obama natürlich nicht sagen, nein, im Gegenteil, er lümmelte, so er die Wahl die Herbst gewänne, gewiss mit einem Martini und einer Zigarette in der Hand im Ovalen Büro herum und böte einen peinlichen Anblick, derweil die Präsidentin Arroyo mit diesem ultra-hippen und coolen Präsidenten, der dazu auch noch wie ein Hollywood-Star aussieht, nichts anzufangen wüsste.
Und seinen Koch würde Obama selbstverständlich nicht kennen. Wäre ja noch schöner, sich mit dem Personal anzubiedern! Nein, seien wir froh über unser aller Glück, El Presidente Arbusto noch sieben Monate um uns zu haben und dabei in Erinnerungen schwelgen zu können: Wie El Jefe Bretzeln essend vom Sofa fiel. Wie er in Schottland einen Fahradunfall hatte. Wie er Angie – in der Hand einen Martini und eine Zigarette? – den Rücken massierte. Wie er in Wladimirs Seele blickte – und ob deren Reinheit erstarrte. Obama dagegen könnte derlei Seelenschau schon deshalb nicht veranstalten, weil er ja stets eine Sonnenbrille trägt, um seine elitäre Gesinnung zu verbergen. Seufz!
Tief sitzt an diesem Wochenende die Enttäuschung mancher Obama-Fans über ihren Supermann, denn gleich zwei Mal hatte sich der Posaunist des Wandels alte Hüte aufgesetzt und dabei wie ein traditioneller Politico eklig den Finger in den Wind gehalten. Am Freitag stimmte der demokratische Präsidentschaftskandidat einem faulen Kompromiss seiner Parteifreunde im Repräsentantenhaus zu, wonach amerikanischen Telekom-Firmen nachträglich Immunität für das widerrechtliche Abhören der Bürgerschaft gewährt. Zwar versprach er, im Senat gegen die Immunitätsklausel zu stimmen, die Attacke der elektronischen Schnüffler auf amerikanische Bürgerrechte aber mochte Obama nicht grundweg verdammen. Noch schlimmer war indes, dass der Mann fürs Reine vergangene Woche ankündigte, sich aus der öffentlichen Wahlkampffinanzierung davonzustehlen und seinen Wahlkampf mit privaten Spenden zu bestreiten – obschon Obama eigentlich versprochen hatte, wie sein republikanischer Rivale John McCain im Herbst mit öffentlichen Geldern in die Wahlschlacht ziehen zu wollen.
«Das ist keine leichte Entscheidung, da ich ein robustes System öffentlicher Wahlkampffinanzierung befürworte», sagte Obama. Leicht oder nicht leicht: Als erster Präsidentschaftskandidat seit 1976, als die amerikanische Wahlkampffinanzierung im Gefolge von Richard «Tricky Dick» Nixons illegalen Machenschaften – darunter Koffer voller Wahlkampf-Cash! – reformiert wurde, wird Obama auf 84 Millionen Dollar Steuergelder verzichten, die jedem Präsidentschaftskandidaten zustehen. So fragwürdig die Entscheidung sein mag, klug ist sie allemal: Obwohl Obama im Mai bei den Einnahmen mit McCain gleichauf lag, wird der Demokrat nach Ansicht sämtlicher Experten Berge von Geld eintreiben und seinen Konkurrenten beim Rennen um den Zaster deklassieren.
Immerhin buchte er beim demokratischen Vorwahlkampf die ungeheuere Spendensumme von 250 Millionen Dollar ab, gesammelt vornehmlich bei kleinen Spendern im Internet. Obamas Cash bedeute «viel mehr als sein derzeitiger Vorsprung in den Meinungsumfragen, denn das Geld ermöglicht ihm, als Angreifer aufzutreten», bewertet der demokratische Stratege Tad Devine den Geldvorteil seines Parteifreunds. Politisch signifikant ist der Geldsegen schon deshalb, weil er einmal mehr als Beleg für das Jammertal des amerikanischen Konservatismus dient. Denn fast immer war der republikanische Klingelbeutel praller gefüllt als derjenige der Demokraten, und fast immer droschen die Republikaner auch und gerade wegen ihres pekuniären Vorteils mit Vehemenz auf den politischen Gegner ein. Wie etwa 2004, als der glücklose John Kerry dank des guten Kassenstands der konservativen Angriffsmaschinerie auf staunenswerte Weise demontiert wurde.
Obama will dieses Risiko nicht eingehen und hofft, bis zum November mindestens 200 Millionen Dollar einzunehmen – ein gewaltiger Prügel für Angriff wie Verteidigung. Und er hat bereits erkennen lassen, wie er McCain in die Defensive drängen möchte: Vergangenen Donnerstag schaltete sein Stab die ersten TV-Spots in 18 Bundesstaaten, vor allem in republikanischen Hochburgen wie Montana, North Carolina, Alaska und North Dakota flimmerte Obama durch amerikanische Wohnzimmer. Dass er dem Konzept der öffentlichen Wahlkampffinanzierung womöglich den Todesstoss versetzt hat, scheint ihn nicht weiter zu interessieren: Er will im November gewinnen, auch wenn dabei etwas Porzellan zerdeppert wird.
Die gesamte Vorwahl-Saison über hielt er sich bedeckt, weder für Obama noch für Hillary wollte er sich erklären. Am Montagabend aber trat Al Gore in Detroit neben Barack Obama auf und gab bekannt, er werde den demokratischen Präsidentschaftskandidaten voll und ganz unterstützen. Die Entscheidung war dem früheren Vizepräsidenten und Friedensnobelpreisträger natürlich leichtgefallen – Hillary ist aus dem Rennen, Obama der Kandidat. Hätte Gore sich früher hinter Obama gestellt, wäre ihm der Zorn der Clintons sicher gewesen. Andererseits hätte es tatsächlich etwas bewirken können, wenn sich der Klima-Papst vor Wochen oder gar Monaten für Obama ausgesprochen hätte. Gestern hingegen war es eine Formalität.
Immerhin klang bezaubernd, wie sich die beiden Demokraten verbal liebkosten. «Ich präsentiere Ihnen den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama!», rief Gore und versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit Obama gewählt werde. Der wiederum überschlug sich mit Lob für Gore, worauf umgehend spekuliert wurde, ob Gore als Vizepräsidentschaftskandidat in Betracht gezogen werde. Obama und Gore – ein Traumpaar? Der Senator aus Illinois könnte einem Vizepräsidenten Gore die Bekämpfung der Erderwärmung auftragen und ihn als Botschafter dorthin entsenden, wo unbeugsame Skeptiker (oder handelt es sich hierbei um intellektuelle Neanderthaler?) noch immer tapfer gegen die Klimaerwärmung angehen. In gewisse Redaktionsstuben also oder nach Tschechien.
\Wie auch immer: Ein Vize Gore wäre so schlecht nicht für Herrn Obamas Wahlchancen, obschon er damit hundertprozentige Hillary-Fans einmal mehr verprellte. Sie träumen noch immer von einer Vizepräsidentschaftskandidatin Hillary, wenngleich Obamas Unterlinge – gewiss mit seinem Einverständnis – derlei Hoffnungen vorgestern einen Dämpfer erteilten: Sie heuerten die von Hillary gefeuerte Wahlkampfmanagerin Patti Solis Doyle an. Ihre Aufgabe? Sie soll Stabschefin des künftigen Obama-Vizes werden. Subtil, was?
Ausserdem spricht gegen Hillary als Vize, dass Mr.Bill mal wieder beim Schwindeln ertappt wurde. Vor Monaten bat das amerikanische Familienmagazin «Family Circle» die Ehepartner der drei im Rennen verbliebenen Kandidaten – damals Hillary, Obama und McCain – um ihre Lieblingsrezepte für Plätzchen, worauf Mr.Bill eine Anleitung zum Backen von Hafermehl-Cookies einschickte und als Originial-Rezept eines befreundeten Kochs ausgab. Tatsächlich aber war die Einsendung aus einem berühmten amerikanischen Kochbuch abgekupfert worden. Damit befand sich der Ex-Präsident in guter Gesellschaft, denn Cindy McCain, die Gattin des republikanischen Kandidaten, hatte gleichfalls geflunkert und ihr «Original-Rezept» der Webseite des Schoko-Herstellers Hershey entnommen. Nun ja.
Der eine war Al Gores Vizepräsidentschaftskandidat, der andere ist demokratischer Präsidentschaftskandidat. Und in Washington wird noch immer gerätselt und gemutmasst, was Senator Barack Obama in der vergangenen Woche bewog, seinem Kollegen Joe Lieberman, auch bekannt als «Holy Joe», weil er bisweiligen wie ein Heiliger auftritt, in der Kammer des Washingtoner Senats eine geheimnisumwitterte Szene zu machen. Obama nahm Lieberman an die Hand und zog ihn in eine Ecke des Senats, wo er den Senator aus Connecticut gegen die Wand drückte und auf ihn einsprach.
Der Vorfall erregte schon deshalb Aufsehen, weil Holy Joe eine seltsame politische Rolle im Senat spielt. Als treuer Anhänger von Jorge Arbustos Krieg im Irak geriet der demokratische Senator vor den Wahlen 2006 bei der Basis der Partei in seinem Heimatstaat Connecticut derart in Misskredit, dass ihm ein Antikriegskandidat die neuerliche Bewerbung um seinen Senatssitz streitig machte – worauf Holy Joe sich kurzerhand politisch unabhängig erklärte. Nun sitzt er als Parteiloser im Washingtoner Senat und darf gleichwohl dem wichtigen Ausschuss für Heimatschutz vorsitzen. Denn die Demokraten brauchen seine Stimme, obschon er stets gegen sie votiert, wenn es um den Krieg im Irak geht.
Lieberman ist ein hundertprozentiger Falke und hat sich offen für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain erklärt, weshalb führende Demokraten den Apostaten am liebsten auf den Mond schiessen möchten, dies jedoch wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse im Senat tunlichst unterlassen. Dieser Tage aber treibt es Lieberman besonders bunt, mehrmals schon hat der Senator Obama scharf wegen dessen Aussenpolitik kritisiert, obwohl Obama ihm 2006, als Liebermans Wiederwahl auf der Kippe stand, hilfreich zur Seite eilte und die Demokraten in Connecticut beschwor, Holy Joe erneut als Senatskandidaten aufzustellen.
Anscheinend nervte den demokratischen Präsidentschaftskandidaten ganz besonders, dass Lieberman den dummen Gerüchten, Obama sei Muslim, nicht entschieden genug entgegentrat. Und deshalb habe der Boss, so ein Obama-Mitarbeiter, dem McCain-Freund aus Connecticut in der letzten Woche die Leviten gelesen. Lieberman sei dabei «merkwürdig still» gewesen, gab der Mitarbeiter preis, wogegen ein Gehilfe Liebermans sagte, dies sei eine «Lüge», und falls sich die Obama-Truppe einbilde, «Joe Lieberman mit ihren schleimigen Taktiken einschüchtern zu können, dann hat sie sich getäuscht». Wow! Da geht es hoch her, nicht wahr!
Holy Joe sollte indes vorsichtig sein: Falls die Demokraten wie erwartet im Herbst weitere Senatssitze hinzugewinnen, wird Lieberman als Zünglein an der Waage nicht mehr gebraucht. Seine Senatsämter werden flöten gehen, desgleichen sein Einfluss. Sollte Freund McCain obendrein das Rennen um das Weisse Haus verlieren, drohte Joe Lieberman eine Existenz am Rande der politischen Gesellschaft. Was genau Obama dem einstigen Freund vorige Woche hinter die Ohren schrieb, bleibt weiterhin ein Gegenstand von Spekulationen, doch sah gut aus, wie sich der Senator aus Illinois in Szene setzte. Seht her, ich lasse mir nichts bieten, schien seine Körperprache auszudrücken.
Gerade dachte ich über Herrn Obama und Mac McCain nach und sinnierte, ob Herr Obama im Wahlherbst so viel mehr Zaster als Mac haben werde, dass er diesen schlichtweg überfahren werde, als das Telefon bimmelte. Ob ich ich sei, begehrte die vertraute Stimme zu wssen, derweil es in der Leitung übel rauschte. Ein Anruf Jorge Arbustos bei seinem Lieblingsblogger!
Aus Übersee rief El Presidente an, aus Europa, wo er seine Abschiedsbesuche macht, derweil Euro-Politicos wie Euro-Trash drei Kreuze schlagen. Bald wird El Jefe auf seiner Pseudo-Ranch in Crawford den Ruhestand geniessen und Jakob Burckhardt über historisches Sein oder Nichtsein lesen. Arbusto klang nachdenklich und müde von all den Staatsempfängen und Reden, wunderte sich indes, dass die europäischen Strassen so ruhig seien und niemand gegen ihn demonstrierte. «Man hat eingesehen, dass Sie womöglich doch historische Grösse besitzen und Demonstrationen somit das Bild einer grossen Präsidentschaft wie eines grossen Mannes zu Unrecht besudeln würden», sagte ich, worauf sein Ton eine Spur von Enthusiasmus zeigte.
Wie die Euros ihn wohl in fünf Jahren sehen würden, wollte Arbusto wissen. «Ungefähr so, wie man heute die Monkees sieht», erwiderte ich vorsichtig und verwies ihn auf die einst doch sehr umstrittene Pop-Band, deren Statur im Laufe der Jahre nur gewachsen sei, so dass die Monkees heutzutage dank ihrer musikalischen Gelassenheit einen geradezu heideggerschen Ruf genössen. Arbusto verstand nur Bohne, warf indes ein, in zehn Jahren werde man seine Grösse gewiss erkennen in Europa, wo es immerhin fast ein Jahrtausend gedauert habe, ehe Hildegard von Bingen als poppige Chanteuse und ihre Symphonia armonie celestium revelationum als frühes Gegenstück zu Ellingtons Black, Brown and Beige anerkannt worden sei.
Nun ja, antwortete ich, in zehn Jahren erginge es ihm sicherlich wie Milli Vanilli, deren Reputation allen Blessuren zum Trotz allmählich wieder in die Geleise komme, was in seinem, Arbustos, Fall um so leichter sei, da die Schar seiner Bewunderer – man denke nur an gewisse Medien! – ja nie auf Null gesunken, sondern im Gegenteil auf gesundem Niveau verblieben sei. Arbusto klang erleichtert. «Und in 20 Jahren?», wollte er begierig wissen. Das sei schwer zu sagen, entgegnete ich ihm, denn seine Regentschaft werde im europäischen Rückspiegel zusehends kleiner werden, wie eben auch die Pretty Things immer kleiner geworden seien, bis sie als rockige Zwerge aufgetreten seien, nicht wahr, hochbetagt, aber fetzig.
Ob dies bedeute, dass man ihn in einem halben Jahrhundert vergessen habe, grämte sich Jorge Arbusto daraufhin. Ich schwieg einen Moment, um dann schüchtern zu bemerken, es könne dem so sein, müsse aber nicht unbedingt eintreten, wenngleich die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen sei, dass er und seine Präsidenschaft dereinst auf einem grossen historischen Müllhaufen landeten, unweit der Backstreet Boys sowie Britneys und in nächster Nähe zu Anastasio Somoza und Napoleon III. Er seufzte, wünschte mir einen schönen Tag und hängte auf, derweil ich still und in mich gekehrt Zwinglis und Eric Dolphys gedachte.
Die Woche hatte es in sich: Am Dienstag gewann Barack Obama die demokratische Präsidentschaftsnominierung, am Mittwoch zeigte er in Washington bei einem Auftritt vor der Israel-Lobby aussenpolitische Härte und machte die Mullahs und Ayatollahs in Teheran in ungewöhnlicher Schärfe an und am Donnerstag stürzte er sich im Staat Virginia flugs in den Hauptwahlkampf. Nebenbei parierte er allerlei Spekulationen über Hillary – will sie Vize werden, will sie nicht? – herzte Babys und schüttelte gewiss so viele Hände, dass die seinen angeschwollen sind.
Nur allzu verständlich also, dass sich Herr Obama am Donnerstag nach der Erledigung seines politischen Tagewerks auf den Heimflug nach Chicago freute. Vergeblich aber warteten die Journalisten in seinem Wahlkampf-Jet auf dem Washingtoner Dulles-Flughafen auf Obama. Und auf die Frage, wo sich der Kandidat befinde, lächelte dessen Sprachrohr Robert Gibbs und blieb stumm. Denn einfach so hatte sich sein Boss aus dem Rampenlicht gestohlen, um Hillary Clinton klandestin und konspirativ am späten Abend im Hause der kalifornischen Senatorin Diane Feinstein zu treffen.
Wahrscheinlich wollte er schön Wetter bei Hillary machen, womöglich palaverten die beiden auch über die Vizepräsidentschaft. Bekanntlich weiss Hillary selber nicht mehr, was sie will: Mal bringt sie sich als Vize ins Gespräch, dann biegt sie wieder ab. Zwar hat John Edwards, bis vor kurzem ebenfalls Präsidentschaftskandidat, verlauten lassen, er sei am Job des Vizes nicht interessiert, die Zahl der potentiellen Bewerber aber ist beträchtlich, Hillary mithin nur eine von zig Optionen. Was also trieben die beiden im Feinstein’schen Versteck? Schäkerten sie? Oder tauschten Storys aus über die grauenhafte Verpflegung im endlosen Wahlkampf («im Leben esse ich keine Käse-Steak mehr…») und wie jener Flugplatz angenehmer sei als dieser?
Nach Beendigung des geheimen Stelldicheins wurde den Lohnschreibern sodann in lapidarer Form mitgeteilt, Herr Obama und Frau Clinton hätten «eine produktive Diskussion geführt über die wichtige Arbeit, die nun zu erledigen ist, damit sich im November der Erfolg einstellt». Was immer im Hause Feinstein «produktiv» diskutiert wurde: Dürrer und nichtssagender als in dieser Verlautbarung geht es nimmer! Anschliessend aber erschien der Kandidat endlich auf dem Flughafen und düste nach Hause, wo er seit Neujahr nur zehn Tage verbracht hat.
Zehn Tage! Die beiden Obama-Töchter werden den Vater kaum noch kennen, der wiederum benötigt vielleicht Kompass und Stadtplan, um sein Domizil zu finden. Ausspannen können wird er nicht einmal an diesem Wochenende, hält die einstige Rivalin doch morgen ihre grosse Ansprache, worin sie offiziell ihre Kandidatur für erledigt erklären und Obama den Treueid schwören wird. Der wird sich die Veranstaltung zu Hause im TV besehen und darf sich einmal mehr Gedanken machen, ob er sie als Vize an seiner Seite möchte.
Die Würfel sind gefallen, die längste und teuerste Kandidatenauslese der Geschichte ist gelaufen. Und während die unterlegene Hillary Clinton an Statur gewonnen hat im Verlauf von anderthalb Jahren demokratischen Vorwahlkampfs und auf ihre Weise unter die Gewinner zählt, so gibt es einen traurigen Verlierer bei dieser längsten politischen Show der Welt: Bill Clinton.
Der Golden Boy der amerikanischen Politik, ein Mann mit legendären politischen Instinkten, führte sich bisweilen unmöglich auf und schadete nicht nur seiner Gattin, sondern auch sich selber. Verwundert sah man ihn im Wahlkampf ausrasten, ein graumelierter Herr mit rübenrotem Gesicht, laut und wütend den Finger gegen das und jenes erhoben. Mit schöner Regelmässigkeit rastete das einstige politische Naturtalent aus, worauf die Schaufelbrigade seiner Gattin des trampelhaften Elefanten Mist rasch aus den Schlagzeilen beförderte. Er selbst entschuldigte sich mal hier, mal dort, um später neuerlich in Fettnäpfchen zu treten.
So ausser Rand und Band präsentierte er sich Ende Januar bei der Vorwahl im Südstaat South Carolina und derart unverfroren ging er Barack Obama dort an, dass er, der laut der afroamerikanischen Literatin Toni Morrison ehrenhalber der «erste schwarze Präsident» der Vereinigten Staaten war, bei seinem schwarzen Fan-Klub mit Pauken und Trompeten durchfiel. Nie mehr wird Clinton von Seiten der Afroamerikaner mit der gleichen Zuneigung rechnen können wie vor Beginn des demokratischen Vorwahlprozesses. Ein Helfer der Menschheit mag der ehemalige Präsident sein, seiner Gattin aber erwies er in diesem Wahlkampf einen Bärendienst.
Hilflos diskutierten ihre Berater, wohin der ungestüme Mann zu stecken und wo und wie er am besten einzusetzen sei. Nicht selten hätten sie ihn liebend gern in einen Schrank gesperrt, auf dass ihnen und der Gattin so macher peinlicher Auftritt erspart geblieben wäre. Nicht weiter verwunderlich war es also, dass er ganz gegen Ende der Show einmal mehr als Enfant terrible durch die Götterdämmerung marschierte. Nachdem das Magazin «Vanity Fair» eine nicht gerade schmeichelhafte Bewertung seiner post-präsidialen Jahre veröffentlicht hatte, explodierte Clinton gestern und beschimpfte den Autoren der Story als heruntergekommenen Schleimbeutel.
Der Wutanfall wurde leider mitgeschnitten, weshalb sich Clinton umgehend entschuldigte. Und damit endete die Chausse gerade so, wie sie begonnen hatte: Mit einem vulkanischen Ausbruch.
Er war einer der unbestrittenen Meister der rockigen Axt. Und heute wurde bekannt, dass Bo Diddley im Alter von 79 Jahren verstarb. Anbei eine kleine Erinnerung daran, wie gut dieses Original war….
Nicht nur das Ableben Bo Diddleys ist zu beklagen: Obschon sie am Sonntag in Puerto Rico Herrn Obama regelrecht überfuhr, scheint sich Hillary Clintons langer Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur dem Ende zuzuneigen. Mitarbeitern wurde bedeutet, sie sollten umgehend ihre Spesenabrechnungen einreichen, auch plant die Senatorin am Dienstagabend in New York, wenn die letzten demokratischen Vorwahlen in den Staaten Montana und South Dakota zu Ende gehen, eine grosse Ansprache….der Amerikanist riecht das Ende einer langen Dienstfahrt und wünscht sich, dass Hillary zumindest Herrn Obamas Kabinett angehört, so dieser im Herbst den grossen Preis gewänne.
Wer immer ab nächstem Jahr Würstchen im Garten hinter dem Weissen Haus grillen und dazu Arnold Toynbee lesen wird, kann Jorge Arbusto selbstverständlich nicht ersetzen. In seiner soeben erschienenen Biografie «Wiser in Battle: A Soldier’s Story» beschreibt Arbustos Ex-Oberkommandierender im Irak, General Ricardo Sanchez, eine Videokonferenz kurz nach der Ermordung von vier Amerikanern in Falludscha. «Tretet ihnen in den Arsch», röhrte Arbusto. Und: «Wenn jemand den Marsch der Demokratie aufzuhalten versucht, dann werden wir sie jagen und töten! Wir müssen härter als die Hölle sein!...Es gibt besondere Momente, und das ist einer davon! Unser Wille wird getestet, aber wir geben nicht nach. Wir kennen einen besseren Weg! Bleibt stark! Bleibt auf Kurs! Tötet sie! Seid voller Vertrauen! Setzt euch durch! Wir werden sie auslöschen! Wir zucken nicht mit den Wimpern!»
Jesus! Ist Generalissimo Francesco Franco wirklich tot? Und stimmt es, dass Arbusto nach dieser Ansprache einen Hasen schlachtete? Dass er die Möbel in Ft. White House mit einer Axt zertrümmerte, ehe er Feuer im Ovalen Büro legte? Stimmt das? Nein? Ja? Nein?