31.10.2007

Jiu Jitsu in Philly

Von Martin Kilian um 20:30 [ Washington, DC ]
Bei sechs Debatten der demokratischen Präsidentschaftsanwärter hatte Hillary Clinton geglänzt und sich die Rolle der Spitzenreiterin im Kandidatenfeld verdient. Am Dienstagabend in Philadelphia war damit Schluss: Sechs Männer droschen verbal auf die Dame ein, fahrig und nicht immer souverän erwehrte sich die Senatorin aus New York der Testosteronexplosion auf der Bühne.

Die Sechs, angeführt vom demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten von 2004, John Edwards, sowie von Senator Barack Obama, hatten guten Grund zu ihren Attacken auf die Favoritin: Weit liegt sie bei Umfragen vor dem Feld, nah aber sind die ersten Parteiversammlungen und Vorwahlen in den Staaten Iowa und New Hampshire gerückt.
Soll Hillary Clinton ein Durchmarsch zur Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei verwehrt bleiben, muss sie diesen Herbst entzaubert werden – als unwählbar, als Vertreterin des Status quo, als Opportunistin und Wunschkandidatin der Republikaner.

Schon am letzten Sonntag hatte Barack Obama angekündigt, mit den Artigkeiten sei es nun vorbei. «Es ist an der Zeit, die Unterschiede herauszuarbeiten», polterte der schwarze Senator aus Illinois, dessen Anhänger ihm vorwerfen, bisher zu zimperlich mit der Senatorin umgegangen zu sein. In Philadelphia aber war es vor allem John Edwards, der über die Senatorin herfiel und Clinton eins ums andere Mal in die Defensive drängte. Krieg mit dem Iran? Aber ja, Hillary sei wohl dafür, wie sonst hätte sie als einzige der vier demokratischen Senatoren im Kandidatenfeld einer Senatsresolution zugestimmt, laut der die Regierung Bush die iranischen Revolutionären Garden zu einer «Terrorististischen Organisation» erklären soll?

Der Kriegslüsternheit des Präsidenten habe sie dadurch in die Hände gespielt, schimpften ihre Konkurrenten, zumal die Resolution, so Edwards, «buchstäblich von den Neokonservativen» verfasst worden sei. Und hatte Clinton nicht im Gespräch mit einem Wähler in Iowa eine völlig andere als die von ihr öffentlich vertretene Position zur Sanierung der Renten bezogen? «Sie ist nicht klar und hat nicht die Wahrheit gesagt», behauptete Barack Obama. Unerhört sei überdies, dass ihre politische Korrespondenz mit Bill Clinton in dessen Präsidentschaftsbücherei in Arkansas unter Verschluss gehalten werde – geheimniskrämerisch wie Dick Cheney und Bush sei sie!

Es half nicht, dass die Spitzenreiterin mal dies, mal das verlauten liess, als sie gefragt wurde, ob illegale Einwanderer einen amerikanischen Führerschein erhalten sollten, wie vom New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer vorgeschlagen. «Falls ich da nicht irgendwas verpasst habe, hat Senatorin Clinton im Verlauf von zwei Minuten zwei unterschiedliche Dinge gesagt», stichelte Edwards, derweil die von ihm Angemachte hilflos in die Runde blickte. Sich damit zu verteidigen, dass die republikanische Obsession mit ihrer Kandidatur beweise, wie sehr die Republikaner sie fürchteten, verfing erst recht nicht. Deren Obsession sei damit erklärbar, dass Hillary die republikanische Wunschkandidatin sei, erklärten sowohl Obama als auch Edwards. Und vom Senator Christopher Dodd aus Connecticut, auch er ein Kandidat, musste sich die Favoritin unterdessen schon wieder vorhalten lassen, sie sei nicht wählbar. Eine neue Umfrage habe leider gezeigt, dass die Hälfte der Amerikaner niemals für sie stimmen werde, sagte Dodd.


So hingen in Philadelphia die Männer den Mann heraus. Schön war es nicht, wirksam wahrscheinlich schon.




30.10.2007

Die grösste Show der Welt beginnt

Von Martin Kilian um 16:34 [ Charlottesville, Virginia ]
Es war fast wie ein Rock-Konzert, der Kandidat ein Rock-Star: Freudig warteten 4500 amerikanische Wähler am Montag in Charlottesville im Staat Virginia auf ihren Helden Barack Obama, den Senator und demokratischen Präsidentschaftskandidaten – ein Jahr und vier Tage vor dem amerikanischen Wahltag! Obama enttäuschte sie nicht, hielt seine Standard-Wahlrede, ein Huhn in jeden amerikanischen Kochtopf!, versprach er.

Mit den innerparteilichen Vorwahlen für die Nominierung der Kandidaten beginnt bald eine erste Hochphase des Wahlkampfs, an dessen Ende eine Schicksalswahl steht: Nach acht anstrengenden Jahren mit George W. Bush wird ein neues Kapital aufgeschlagen, spannend schon deshalb, weil mit Hillary Clinton endlich eine Frau gewählt werden könnte oder mit Obama erstmals ein Afroamerikaner eine Chance aufs Weisse Haus hat.

Die Republikaner präsentieren eine Riege weisser Männer mittleren Alters, immerhin aber ist ein Mormone darunter, ein Baptistenprediger sowie ein Italo-Amerikaner namens Giuliani, dem der Ruf eines politischen Berserkers anhaftet. Die amerikanische Welt wird sich nun bis zum November 2008 um diesen längsten und teuersten demokratischen Auswahlprozess auf Erden drehen – wie Gründervater Alexander Hamilton einst befürchtet hatte. «Wer wird der nächste Präsident sein?», laute künftig die Frage aller Fragen, schüttelte es Hamilton.

Und während ernsthafte Wahlbeobachter die Kandidaten analysieren, ermittelte der Anthropologe Clotaire Rapaille bei Gruppensitzungen mit amerikanischen Wählern, dass von einem Präsidenten zuvorderst nicht Politisches gewünscht wird, sondern «billige Unterhaltung» - Vorhang auf also zur grössten Show der Welt!