16.7.2008
Ein Zaun...oder eine Mauer?....
Der texanischen Kommune Del Rio, am Rio Grande und damit an der Grenze zu Mexiko gelegen, hat der amerikanische Aufruhr um die illegale Zuwanderung von Latinos einen hübschen Profit beschert: Weil die «Federals» in Washington einen Grenzzaun bauen möchten, benötigen sie Land längs des träge rollenden Rio Grande. Del Rio – Einwohnerzahl 35000 - kaufte vor Jahrzehnten nutzloses Arreal am Fluss für die bescheidene Summe von 90000 Dollar. Unlängst verscherbelte die Stadt die fast 30 Hektar für 1.2 Millionen Dollar an die Washingtoner Regierung.
Man werde mit dem unverhofften Gewinn ein Parkhaus bauen, verlautet aus dem Rathaus, wo Bürgermeister Efrain Valdez den Verkauf des Landes verteidigt. Das sei ja zu nichts zu gebrauchen gewesen, meint er, und ein Zaun am Fluss störe niemanden. Mit dieser Meinung steht Valdez ziemlich allein im Süden von Texas, wo historische Bindungen den Alltag zu beiden Seiten der Grenze bestimmen. Seit der Kongress 2006 grünes Licht zum Bau eines Zauns – oder ist es eine Mauer? – entlang der mexikanisch-amerikanischen Grenze gab und dafür eine Milliardensumme bereitstellte, ist das gigantische Vorhaben zum Gegenstand von Kontroversen geworden.
Etwa eintausend Kilometer Grenze sind in Kalifornien und Arizona mit einem bis zu sechs Meter hohen Zaun bereits gesichert worden, auch in Texas sollen Barrieren errichtet werden. Gegner des teueren Monumentalbaus – anderthalb Kilometer kosten eine Million Dollar – vergleichen ihn mit der Berliner Mauer, obschon diese natürlich die Ostdeutschen von der Flucht abhalten und nicht etwa den Westdeutschen die illegale Einwanderung in den Osten verwehren sollte. Und besonders in Texas regt sich heftiger Widerstand gegen den Bau. Selbst Bürgermeister Valdez, so sehr er mit den «Federals» kooperieren mag, hat sich im Mai einer Klage lokaler Politicos in der texanischen Grenzregion angeschlossen, welche der Bundesregierung vorwirft, sie wolle zwecks Bau des Zauns örtliches Land zu lachhaften Preisen erwerben.
Eine Koalition von Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen verlangt überdies ein generelles Umdenken: Der Zaun zerschneide die Grenzregion und werde der illegalen Zuwanderung kaum Einhalt gebieten. «Eine Grenzmauer signalisiert der Welt, dass wir eine verängstigte und nicht eine starke und selbstbewusste Nation sind und dass wir nicht im Stande sind, ein schwieriges Problem auf intelligente Weise zu lösen», kritisiert die Gruppe «No Texas Borderwall» die geplante Barriere. Neutrale Beobachter der Szene in Del Rio und anderswo entlang der Grenze zwischen der Ersten und der Dritten Welt glauben, dass ein massiver Zaun den Zufluss der Illegalen abschwächen werde. Solange der Lebensstandard des Nordens aber dem des Südens voraus sei, könne kein Zaun die Menschen vom Versuch abhalten, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu finden.
View Larger Map14.7.2008
Allerlei Fossilien.....
Dass Benzin im Land automobilistischer Gigantomanie jemals vier Dollar pro Gallone kosten würde, war bis vor kurzem unvorstellbar. Nun aber blechen die Amerikaner einen Dollar pro Liter Sprit, worüber europäische Kfz-Lenker zwar lachen mögen, doch nicht nur sind die Entfernungen hier zu Lande grösser, die Amerikaner schöpften überdies dummerweise aus dem Vollen und kauften Autos, deren Dimensionen an Mastodone und Mammuts gemahnen und die entsprechende Mengen Treibstoff saufen.
Jetzt regiert das nackte Elend an den Zapfsäulen, denn ein voller Tank für ein fälschlich so benanntes «Sport Utility Vehicle» - die peinlichen Apparate sind weder sportlich noch nützlich – kostet irgendwo zwischen 100 und 150 Dollar. An der Tankstelle in Breaux Bridge, wo ich vor der langen Fahrt ins texanische San Antonio auftanke, kaufen manche Kunden nur eine oder zwei Gallonen. Für mehr reicht ihr Geld nicht. Die Gegend im Süden Lousianas ist ärmlich, der hohe Benzinpreis eine schwere Belastung für viele Bewohner.
Und weil die Kunden bisweilen davonbrausen, ohne zuvor die Rechnung beglichen zu haben, muss nun zuerst beim Tankwart bezahlt werden. Der verlangt neuerdings einen Ausweis mit Bild, falls der Autofahrer eine Kreditkarte zückt. «Wir mussten das tun, weil im Gefolge der hohen Benzinpreise der Betrug erheblich zugenommen hat», erklärt der Kassierer. Seine Arbeitsplatz ist von allerlei Warnungen und Verboten eingerahmt. Nein, die Kreditkarte der Grossmutter werde nicht akzeptiert, es sei denn, die Oma wäre persönlich anwesend. Das Limit für Kreditkarten beträgt 75 Dollar! Schecks werden keine genommen!
Derart mürrisch implodiert also das amerikanische Zeitalter ultrabilligen Benzins. Überdies endet es mit zunehmendem Spritklau aus den Tanks geparkter Autos sowie mit Autofahrern, die Autos mit leeren Tanks am Rande der Highways abstellen. Steigt der Benzinpreis weiter an, wird vor allem das platte Land darunter leiden. Schon jetzt blättern die Armen in einigen Landkreisen im Süden ein Sechstel und mehr ihrer bescheidenen Einkommen für Treibstoff hin. Die sich dem Ende zuneigende Ära der Ungetüme auf vier Rädern aber wird dereinst als absurde Manifestation automobilistischen Grössenwahns in die Geschichte der Fortbewegung eingehen.
11.7.2008
Eine Stadt überlebt…..
Tom Morgan macht für den Gast «die Tour», wie er seine Rundfahrt durch New Orleans nennt. Das Thermometer zeigt Temperaturen über 30 Grad Celsius an, die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich. «Solange du einen schweissnassen Nacken hast, weisst du, dass du noch lebst,», scherzt der Musikologe und Radio-Impresario, dessen Streifzüge in die Anfänge des Jazz unter anderem ein preisgekröntes Buch hervorgebracht haben. Morgan moderiert mehrere Musikprogramme beim Sender
WWOZ in New Orleans, ein Musik-Aficionado, der New Orleans liebt und sich hervorragend in der reichen musikalischen Tradition der Stadt auskennt.

Nahezu drei Jahre nach Katrina hat Morgan auf seiner Runde durch die gebeutelte Stadt gleichermassen Grund zu Freude und Trauer. «Die Hälfte unserer Musiker ist noch immer in der Disapora», sagt er und steuert das Auto durch die Strassen des Lower Ninth, jenes Viertels also, das besonders hart betroffen war. Fast pastoral wirkt die Gegend: Wo einstmals Haus auf Haus die Strassen säumte, sind jetzt grüne, von Unkraut überwucherte Felder, dazwischen verfallende Bauten – und da und dort ein tapferer Rückkehrer, der sein Haus instandsetzt und in einem Wohnwagen nebenan lebt.
«Ohne die Arbeit der Freiwilligen käme hier nur wenig voran», bemerkt Morgan und deutet auf eine Gruppe Jugendlicher, die an einem Zementmischer arbeiten. Von überall her kommen die Helfer, um New Orleans, diesem Juwel, aus der schlimmsten Not zu helfen. Immerhin bieten die Klubs im Viertel Faubourg Marigny wieder jede Menge Musik, und mitten im Lower Ninth entsteht dank grosszügiger Spenden unter der Leitung der Hilfsorganisation «Habitat for Humanity» ein Dorf bunter Häuser für Musiker und mit der Musik verbundene Menschen.
Dank des Einsatzes der Freiwilligen kostet ein Neubau nur etwa 75000 Dollar an Spenden und Eigenbeiträgen; die Häuser, klein und in schmucken Pastellfarben, seien schon jetzt 150000 Dollar wert, schätzt Morgan und begrüsst seinen Freund Fred Goodrich, der gleichfalls bei WWOZ arbeitet und auf die Fertigstellung seines Hauses im Musikerdorf wartet. «Weihnachten kann ich einziehen», hofft Goodrich und sorgt sich um das unfertige Dach. Es hat zu regnen begonnen, und jenseits des bunten Musikerdorfs scheint die geschundene Landschaft besonders trostlos. Morgan steuert auf Gentilly zu, eine überwiegend weisse Wohngegend, wo mindestens ein Drittel der Häuser weiterhin unbewohnbar ist. Katrina, sagt er, sei farbenblind gewesen und habe weisse wie schwarze Viertel vernichtet.
Dennoch verströmt der Jazz-Historiker Optimismus: Klar gehe es aufwärts, wenn auch nicht schnell genug. Tatsächlich kriecht die Stadt voran, obschon städtische Dienstleistungen spärlich und manche Probleme nahezu unüberwindbar bleiben. Wir kaufen Lunch bei «Zimmer’s», einem für seine lokalen Spezialitäten bekanntem Geschäft; es stand nach Katrina unter Wasser, die Besitzerin aber weigerte sich aufzugeben. «Das Geschäft ist alles, was ich habe», sagte sie. Wie sie kämpft auch Sylvester Francis um das Erbe von New Orleans, um das also, was unwiederbringlich verloren wäre, so die Stadt nicht wieder auf die Beine käme. In der Claude Avenue betreibt er das
«Backstreet Cultural Museum» und stellt dort unter anderem die fantastischen Karneval-Kostüme des Mardi Gras aus.
Einfach sind die Zeiten gewiss nicht in New Orleans, und schmählich klein ist die Hilfe, die bislang aus Washington eingetroffen ist. Die Menschen aber nehmen die Dinge in die eigenen Hände; Tom Morgan und seine Nachbarn etwa halten den kleinen Park um die Ecke selber sauber, da der Stadt die Mittel dazu fehlen. New Orleans, soviel ist sicher, wird den Washingtoner Präsidenten überdauern, der beschämend hilflos auf die dunkelste Stunde der Stadt reagierte – und auch damit seine Präsidentschaft ruinierte.
Tom Morgan und Sylvester Francis
09.7.2008
Kampf ums Wasser....
Apalachicola, gelegen am gleichnamigen Fluss im Norden Floridas, ist ein kleines Paradies, worin die besten Austern der amerikanischen Ostküste gedeihen. Täglich tuckern die Austernfischer Apalachicolas in die Bucht, wo der mächtige Fluss in den Golf von Mexiko mündet. Stets war die Ernte reich, noch sind die Austern ebenso auf den Menüs von Feinschmecker-Restaurants in New York, Miami oder Washington zu finden wie in den so wunderbaren wie billigen Austernkneipen Apalachicolas.

Nun aber geht dem Paradies das Wasser aus und droht Apalachicola zum Opfer der oftmals planlosen amerikanischen Zersiedlung zu werden. Die Energiekrise zwingt die Amerikaner zum Umdenken; urbanes Wachstum muss künftig besser geplant werden, ja es wäre sogar denkbar, dass sich das Zeitalter von Suburbia und Exurbia steigender Benzinpreise wegen dem Ende zuneigt. Für Apalachicola könnte dieses Umdenken jedoch zu spät kommen. Denn wie ein nimmersatter Moloch bedient sich hunderte Kilometer flussaufwärts die schnell wachsende Millionenmetropole Atlanta im Staat Georgia aus den Fluten zweier Flüsse, die im Süden Georgias zum Apalachicola River zusammenfliessen – und nimmt den Austern in der Apalachicola-Bucht damit das nötige Süsswasser.
Linda Raffield ist die Sekretärin des Verbands der Fischer in Apalachicola, eine um das Wohl der Austernfischer besorgte Frau, die ein Restaurant leitet und seit Jahrzehnten mit einem «Oysterman» verheiratet ist. «Die Austernfischer hier haben schon genug Probleme, zum Beispiel Wirbelstürme», klagt sie. Die Verknappung des Süsswassers könne ihre Existenz jetzt endgültig vernichten. Linda repräsentiert über 1100 «Oystermen»; Atlantas planloses Wirtschaften, so sagt sie, sei nicht nur schlecht für Apalachicola, sondern auch für die Menschen in Atlanta. Doch die Grosstadt im Norden wolle «keine Verantwortung tragen für das, was sie anstellt».
Um Abhilfe zu schaffen, hat Florida gegen den Nachbarstaat geklagt; eine Lösung des Problems wird indes erschwert durch die hartnäckige Dürre in Georgia, die von manchen Klimaexperten als Anzeichen der Erderwärmung gewertet wird. Obendrein verkörpert Atlanta wie kaum eine zweite amerikanische Millionenstadt den Wahn weitgehend ungeplanter Zersiedelung. Laut einer Studie der University of Georgia ist die Stadt zwischen 2001 und 2006 täglich um 22 Hektar Asphalt, Beton und Hausdächer gewachsen. Und lebten in Georgia 1957 knapp vier Millionen Menschen, so bewegt sich die Zahl der Einwohner nun auf zehn Millionen zu.
Wasser? Nie wirklich wurde für die Zukunft geplant, nur ungefähr wissen die zuständigen Behörden, wie gross die jährliche Zunahme des Wasserverbrauchs im Grossraum Atlanta mit seinen über fünf Millionen Einwohnern ist. Um dem rasch steigenden Bedarf nachzukommen, will die Stadt mehr Wasser aus den Flüssen abzweigen. «Wenn wir diesen Kampf verlieren, ist es vorbei mit unserem Erbe und der Art und Weise, wie wir leben», sagt Dave McLain. 28 Jahre verbrachte McLain in der Armee, nun ist er Direktor für politische Planung bei den «Riverkeepers», einer Umweltorganisation zum Schutz amerikanischer Flüsse.
Fünfeinhalb Milliarden Dollar erwirtschaftet jährlich der Grossraum Atlanta, rund 200 Millionen bringt die Fischerei in und um Apalachicola ein. «Aber wir schulden es unseren Kindern und Enkeln, dass wir neben der Wirtschaft auch die Umwelt berücksichtigen,» meint McLain. Werde ein tragfähiger Kompromiss zwischen den Staaten Georgia und Florida erzielt, sei es noch nicht zu spät für die Austernfischer von Apalachicola, hofft McLain. Andernfalls wird nach dem Verschwinden der Shrimps in Apalachicola bald auch die göttliche Auster ein Genuss der Vergangenheit sein.
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07.7.2008
Kein Schnaps, kein Demokrat....
Bier? Wein? «Wir haben es, aber wir dürfen es nicht verkaufen», sagt die junge Verkäuferin in einem Supermarkt im Landkreis Sumter im Südstaat Georgia. Im Restaurant «Ruby Tuesday» gibt es gleichfalls nichts Alkoholisches; in Georgia darf sonntags kein Alkohol verkauft werden. Und nur in grösseren Städten kann Sprit in Restaurants konsumiert werden. Willkommen im «Bibelgürtel» des amerikanischen Südens, wo Fundi-Pastoren diverse Ausschankverbote verteidigen, als führte ein sonntägliches Bier geradewegs auf die abschüssige Bahn zu ewiger Verdammung.
Einen Volksentscheid über sonntäglichen Alkoholverkauf lehnt Sonny Perdue, Georgias republikanischer Gouverneur, denn auch resolut ab. «Wollen Sie den Leuten die Wahl geben, die Prostitution zu erlauben?», erzürnte die Forderung nach einem Referendum den Gouverneur. Da der Flecken Plains im Landkreis Sumter in Georgia liegt, gibt es auch in Plains am Sonntag keinen Alkohol zu erstehen. Obschon der Ort eine Touristenattraktion ist. Plains ist schliesslich die Heimat Jimmy Carters, des Ex-Präsidenten und bekanntesten Erdnussfarmers der Welt.

Durch Jimmy wurde Plains berühmt, und obwohl Carter 1980 gegen Ronald Reagan verlor, wirkt sein Ruhm nach. Ein bisschen zumindest. Plains stieg nach Carters sensationellem Sieg 1976 kometenhaft auf, um später ebenso kometenhaft abzusteigen. Eigentlich stieg in der jüngeren amerikanischen Geschichte nur Barack Obama ähnlich schnell auf wie Jimmy, den 1976 kaum jemand kannte, ehe er bei den demokratischen Vorwahlen an der Konkurrenz vorbeizog und Gerald Ford beim Kampf ums Weisse Haus besiegte.
Carter aber gewann bei der Präsidentschaftswahl 1976 die Mehrzahl der Staaten des amerikanischen Südens, wovon Obama nur träumen kann. Einer der Gründe dafür sind die Pastoren, die sonntags weder Bier noch Wein noch Schnaps dulden. Die Demokraten sind diesen Savonarolas der südstaatlichen Provinz nicht geheuer. Zu sündhaft. Zu säkular. Falls der Landkreis Sumter mitsamt Plains den Ausschank sonntäglichen Alkohols erlauben sollte – darüber werde nachgedacht, heisst es – , stehen die Zeichen nicht schlecht, dass dereinst wieder ein Demokrat wie Jimmy den Süden erobert. Unter anderem auch deshalb, weil die Macht konservativer Pastoren geschrumpft wäre.
View Larger Map06.7.2008
Strom und Jesse...
Washington, die Hauptstadt, ist weit weg, ein Ort, an dem die Menschen schneller gehen und essen und reden als in Edgefield im Südstaat South Carolina. Noch immer schlägt der Puls des Südens aller wirtschaftlichen Entwicklung zum Trotz gemächlicher als der im amerikanischen Norden und Westen. Womöglich verlangt die brutale Sommerhitze ein langsameres Tempo. Sechs von zehn Einwohnern Edgefields sind Afroamerikaner, die weisse Minderheit der insgesamt 4500 Einwohner aber behält das Heft in der Hand.

Das Städtchen hat dem Staat South Carolina zehn mehr oder weniger mit Rassenvorurteilen behaftete Gouverneure sowie einen ausgesprochen rassistischen Senator beschert. Und nun steht Senator Strom Thurmond als Denkmal verewigt unter der sengenden Sonne auf dem Zentralplatz in Edgefield und kann, da 2003 im biblischen Alter von 100 Jahren verstorben, nicht mehr mitansehen, wie ein Afroamerikaner Präsident werden will. Thurmond war generell kein Freund der Afroamerikaner, auch wenn nach seinem Ableben herauskam, dass er mit einer Afroamerikanerin ein Kind gezeugt hatte. Obamas Kandidatur hätte er erstaunt und sicherlich mit Sorge verfolgt.
Nicht weniger erstaunt als Thurmond dürfte North Carolinas Ex-Senator Jesse Helms gewesen sein, der am Freitag verstarb. Wie Thurmond war Helms ein Rassist der alten Südstaatenschule, wie sein Kollege aus South Carolina verliess er aus Protest gegen schwarze Bürgerrechte die Demokratische Partei und schloss sich den Republikanern an, die den Süden mit ihren mehr oder weniger unverhohlenen Appellen an weisse Vorurteile im Laufe der siebziger und achtziger Jahre in eine republikanische Hochburg verwandelten. In Washington trug Helms den Namen «Senator Nein», weil er unweigerlich gegen Bürgerrechte stimmte – für Schwarze oder Schwule oder für wen auch immer – und überhaupt ein Betonkopf der übelsten Sorte war.
Im Gegensatz zu Thurmond erlebte Helms jedoch, wie Barack Obama die demokratische Kandidatur errang – nachdem er sowohl in North Carolina als auch in South Carolina bei den Vorwahlen gesiegt hatte. Dass ein Afroamerikaner erstmals eine reale Chance hat, ins Weisse Haus zu ziehen, muss Helms zutiefst schockiert haben. Zeigte es ihm doch, wie sich Blatt und Zeiten gewandelt haben. Nachgerade umgehauen aber dürfte ihn haben, dass Obama ernsthaft versuchen wird, den republikanischen Süden aufzuweichen und zumindest in North Carolina und Virginia und vielleicht sogar in Georgia die republikanische Vorherrschaft zu brechen.
Auch Strom Thurmond fiele gewiss von seinem Sockel in Edgefield, so er dies gewahren könnte. Gleichwohl darf sich der alte Rassist damit trösten, dass South Carolina, das immerhin den amerikanischen Bürgerkrieg anzettelte, unfruchtbares Terrain für Barack Obama bleiben wird. Nicht auszudenken, wenn die gesamte Konföderation zu einem Schwarzen überliefe!
04.7.2008
Washington im Rückspiegel…..
Wenn die Vereinigten Staaten heute ihren Nationalfeiertag mit üblichem Pomp und Feuerwerk begingen, gedenken sie wie immer am vierten Tag des Juli eines Gründungsakts, der die Geschichte veränderte. Die Stimmung aber lässt an diesem Unabhängigkeitstag zu wünschen übrig; fast verzagt steht das noch immer mächtigste Land auf Erden vor einem wachsenden Berg von Sorgen. «Meine amerikanischen Mitbürger: Wir sind ein Land in Schulden und Niedergang – nicht unabwendbar, nicht umkehrbar, aber dennoch im Niedergang», urteilte der renommierte Kolumnist Thomas Friedman rechtzeitig zum Unabhängigkeitstag in der «New York Times».
In der Tat: Eine sich vertiefende Krisenstimmung überschattet den sprichwörtlichen amerikanischen Optimismus; er ist einem diffusen Gefühl gewichen, das Beste liege womöglich bereits hinter einer Nation, die da glaubte, jeder Generation werde es materiell besser als der vorherigen ergehen. Das Verfolgen des eigenen Glücks, von Thomas Jefferson als amerikanisches Ur-Recht formuliert, scheint den Amerikanern gegen Ende der Ära Bush ein nostalgisches Unterfangen, das mit der rauhen Wirklichkeit kollidiert. Und doch birgt dieser trübe amerikanische Sommer eine Verheissung, nämlich die Chance eines Neubeginns am Wahltag in exakt vier Monaten.
Erstmals könnte ein Afroamerikaner ins Weisse Haus einziehen, und selbst wenn er die Wahl verlöre, hätte Barack Obama bereits Geschichte gemacht. Wunder aber wird auch er nicht vollbringen, denn längst trifft nicht mehr zu, was der grosse Historiker Henry Adams 1911 über seine Heimat sagte: «Die amerikanische Gesellschaft», befand Adams, «ist eine Art flaches, frisches Wasser, welches still und ohne Reaktion alles absorbiert, was hineingeworfen wird». Das war einmal: Die Welt hat die Supermacht trotz ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke inzwischen eingeholt und wirft so manches in den amerikanischen Teich, was unangenehme Wellen schlägt. Der moralische Führungsanspruch des Landes ist im Gefolge der Regentschaft George W. Bushs ausgehöhlt und untergraben worden, die Wirtschaft nach einem Vierteljahrhundert neoliberaler Rezepte in einem bedenklichen Zustand.
Ob Energiekrise und bröckelnde Infrastruktur, ob soziale Ungleichheit, fallende Immobilienpreise und stagnierende Einkommen: Hart trifft es derzeit die Amerikaner, und nicht wenigen schwant, der amerikanische Traum sei ausgeträumt. «Das in der amerikanischen Psyche tief verankerte Gefühl, sich immer wieder aus dem Schlamm ziehen zu können, wird durch eine mürrische Machtlosigkeit angefressen; diese wiederum kratzt die robuste Gewissheit an, dass sich das Schicksal durch blossen Mut und Ausdauer steuern lässt», charakterisierte die Nachrichtenagentur «Associated Press» im Juni den amerikanischen Zustand. Erschöpft von den endlosen Kriegen im Irak und in Afghanistan und hilflos einem politischen System ausgeliefert, das in einer ewigen Blockade verharrt statt Lösungen für immer dringlichere Probleme zu finden, ist eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner zum Schluss gelangt, das Land befinde sich auf dem falschen Weg und bedürfe nach den kleinen und grossen Katastrophen der Bush-Präsidentschaft einer Generalüberholung.
Es sei «ein Teil des amerikanischen Charakters, an nichts zu verzweifeln und jede Schwierigkeit mit Entschlossenheit zu überwinden», schrieb Jefferson 1787 an seine Gattin Martha. Die Präsidentschafts- und Kongresswahlen werden zeigen, ob Jeffersons Blumenstrauss an seine Landsleute unvermindert blüht und die Nation im Januar 2009 einen Kurs finden wird, der sie von der derzeitigen Malaise befreit. Zuvor allerdings wird in diesem prekären Sommer der Wahlkampf mit seinen Überraschungen und Unwägbarkeiten aufwarten und von Küste zu Küste die Amerikaner beschäftigen, ehe in der langen Nacht vom vierten auf den fünften November eine neue und hoffentlich bessere Ära als die nun am Horizont versinkende beginnt.
Der Amerikanist, erschlagen von Washingtons sommerlicher Hitze, wird heute seinen Schreibtisch räumen – und sich auf eine lange Reise durchs gelobte amerikanische Land begeben. Über mehr als zwei Monate hinweg will er auf über 20000 Kilometern herausfinden, was die Amerikaner in diesem historischen Sommer vor den Präsidentschafts- und Kongresswahlen im Herbst bewegt. Ihre Befindlichkeit möchte der Chronist ein wenig ergründen und sich dabei natürlich auch vergnügen. Bis Anfang September werde ich also in Wort und Video Berichte aus einem Land servieren, das sich gegen Ende der Ära Bush seiner selbst nicht mehr so sicher scheint.
South Carolina, New Orleans, Texas und Arizona werden ebenso Stationen dieser Reise sein wie Wyoming, Oregon oder Oklahoma. Und Städte wie San Antonio und San Francisco stehen geradeso auf dem Programm wie die berühmte Route 66 von Chicago nach Los Angeles. Gegen Ende seines langen Road Trips wird der Amerikanist sodann beim demokratischen Parteitag in Denver und bei den Republikanern in Minneapolis erscheinen, ehe er wieder nach Washington zurückkehrt – ein wenig weiser hoffentlich. Das werte Publikum ist unterdessen herzlicEin schwieriger ommer....hst eingeladen, mitzureisen und sich zu ärgern wie zu freuen.
01.7.2008
Küsst Obama Mr.Bills Hintern?......
Was ein Präsidentschaftskandidat nicht alles tun muss! Er sammelt Geld ein. Oder zahlt wie John McCain hastig Steuern nach, weil irgendein Medium seine Steuerschulden an den Pranger stellt. Sucht nach einem Vizepräsidentschaftskandidaten. Und muss im Falle Obamas einer brodelnden Gerüchteküche entkommen, die da suggerieren will, der Demokrat sei Muslim. Oder nicht in den Vereinigten Staaten geboren, mithin nicht amerikanisch genug.
Immerhin fühlte sich Obama gestern gezwungen, solcher Märchen wegen eine ausführliche Rede zu halten, in der er seinen Patriotismus bekundete. Vaterländische Bekenntnisse sind hier zu Lande unabdingbar, ja kein Kandidat kann es sich leisten, einen amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ohne ausführliche Liebesbezeigungen an die Republik zu führen. Obama wird eine besonders heftige Minne abverlangt, unterstellt ihm doch ein ignoranter Teil des Populus, kein echter Amerikaner, sondern ein Imitat zu sein – ein Fremder, dessen DNS irgendwo zwischen Hawaii und Indonesien und Afrika beheimatet ist. L’Etranger Obama also.
Und mittenmang im patriotischen Sud findet Obama noch die Zeit, endlich mit Bill Clinton zu telefonieren und dem schmollenden Hillary-Gatten die Friedenspfeife anzubieten. Zwanzig Minuten telefonierten sie am Montag miteinander, obschon kurz zuvor vermeldet wurde, Mr. Bill habe über Obama gelästert, der könne ihm «den Hintern küssen». Nachtragend ist er, der ehemalige Präsident, weil Senator Grünschnabel aus Chicago die demokratische Kandidatur gewann und sich dabei überhaupt nicht ehrerbietig zeigte. Aber wie gesagt: Am Montag telefonierten die zwei. Zwanzig geschlagene Minuten lang!
Man suche eine Rolle für Mr.Bill im Wahlkampf, hiess es danach. Und bereits in diesem Monat werde er zusammen mit Obama auftreten. Womöglich wird damit doch noch der Boden bereitet für eine Vizepräsidentschaftskandidatin Hillary Clinton! Wie schön!
25.6.2008
Mit Zigarette und Martini.....
Tiefe Melancholie bemächtigt sich des Amerikanisten, wenn immer seine Gedanken um El Presidente Jorge Arbusto kreisen, der Washington in nurmehr sieben Monaten verlassen wird. Was hat er doch alles angestellt, dieser umtriebige Texaner, der samt seiner kauzigen Syntax demnächst gen Südwesten nach Crawford reiten wird. Heute etwa wurde bekannt, dass ein Bericht der Umweltschutzbehörde EPA, wonach Luft verschmutzende Treibhausgase reguliert werden sollten, einfach ignoriert wurde. Man werde, bedeuteten Arbustos Unterlinge im Weissen Haus der lästigen Behörde, den als Email abgesandten Bericht einfach nicht öffnen. Und so geschah es denn auch. Problem erledigt.
Jeder Arbusto-Tag brachte und bringt wundersame Dinge, so dass zu hoffen bleibt, El Presidente werde sich auch aus dem wohlverdienten Ruhestand zuweilen mit bemerkenswerten Einlagen melden. Ähnlich seinem ehemaligen strategischen Gehirn Karl Rove, der nun als TV-Kommentator wirkt und sich am Montag über Barack Obama wie folgt ausliess: «Auch wenn du ihn nie getroffen hast, kennst du diesen Typen: Er ist der Kerl im Country Club mit einer schönen Begleiterin, in der Hand einen Martini und eine Zigarette, wie er mit dem Rücken gegen die Wand lehnt und verächtliche Kommentare über jeden abgibt, der vorbeiläuft».
Mit Roves Ex-Dienstherrn verhält es sich natürlich völlig anders: Ungleich dem elitären und an Porfirio Rubirosa erinnernden Playboy Obama ist El Presidente Jorge Arbusto ein Mann des Volkes, ein Kumpel wie du und ich, der statt eines abgehobenen Martinis ein alkoholfreies Bier zischt. Auf diese Masche jedenfalls fielen die amerikanischen Medien 2000 herein und schaufelten Arbusto damit den Weg frei ins Weisse Haus, wo er sich noch immer befindet und staunenswerte Dinge plappert. Wie etwa gestern, als ihn die philippinische Präsidentin Gloria Arroyo besuchte und Arbusto dabei volkstümelte, dass es eine Pracht war.
Er habe Arroyo daran erinnert, jodelte El Presidente, «dass ich immer an das grosse Talent unserer Philippino-Amerikaner erinnert werde, wenn ich Dinner im Weissen Haus habe». Jawohl, ist doch einer der präsidialen Köche ein Philippino! Etwas derart volksnahes würde Obama natürlich nicht sagen, nein, im Gegenteil, er lümmelte, so er die Wahl die Herbst gewänne, gewiss mit einem Martini und einer Zigarette in der Hand im Ovalen Büro herum und böte einen peinlichen Anblick, derweil die Präsidentin Arroyo mit diesem ultra-hippen und coolen Präsidenten, der dazu auch noch wie ein Hollywood-Star aussieht, nichts anzufangen wüsste.
Und seinen Koch würde Obama selbstverständlich nicht kennen. Wäre ja noch schöner, sich mit dem Personal anzubiedern! Nein, seien wir froh über unser aller Glück, El Presidente Arbusto noch sieben Monate um uns zu haben und dabei in Erinnerungen schwelgen zu können: Wie El Jefe Bretzeln essend vom Sofa fiel. Wie er in Schottland einen Fahradunfall hatte. Wie er Angie – in der Hand einen Martini und eine Zigarette? – den Rücken massierte. Wie er in Wladimirs Seele blickte – und ob deren Reinheit erstarrte. Obama dagegen könnte derlei Seelenschau schon deshalb nicht veranstalten, weil er ja stets eine Sonnenbrille trägt, um seine elitäre Gesinnung zu verbergen. Seufz!
22.6.2008
Herrn Obamas Geldmaschine....
Tief sitzt an diesem Wochenende die Enttäuschung mancher Obama-Fans über ihren Supermann, denn gleich zwei Mal hatte sich der Posaunist des Wandels alte Hüte aufgesetzt und dabei wie ein traditioneller Politico eklig den Finger in den Wind gehalten. Am Freitag stimmte der demokratische Präsidentschaftskandidat einem faulen Kompromiss seiner Parteifreunde im Repräsentantenhaus zu, wonach amerikanischen Telekom-Firmen nachträglich Immunität für das widerrechtliche Abhören der Bürgerschaft gewährt. Zwar versprach er, im Senat gegen die Immunitätsklausel zu stimmen, die Attacke der elektronischen Schnüffler auf amerikanische Bürgerrechte aber mochte Obama nicht grundweg verdammen. Noch schlimmer war indes, dass der Mann fürs Reine vergangene Woche ankündigte, sich aus der öffentlichen Wahlkampffinanzierung davonzustehlen und seinen Wahlkampf mit privaten Spenden zu bestreiten – obschon Obama eigentlich versprochen hatte, wie sein republikanischer Rivale John McCain im Herbst mit öffentlichen Geldern in die Wahlschlacht ziehen zu wollen.
«Das ist keine leichte Entscheidung, da ich ein robustes System öffentlicher Wahlkampffinanzierung befürworte», sagte Obama. Leicht oder nicht leicht: Als erster Präsidentschaftskandidat seit 1976, als die amerikanische Wahlkampffinanzierung im Gefolge von Richard «Tricky Dick» Nixons illegalen Machenschaften – darunter Koffer voller Wahlkampf-Cash! – reformiert wurde, wird Obama auf 84 Millionen Dollar Steuergelder verzichten, die jedem Präsidentschaftskandidaten zustehen. So fragwürdig die Entscheidung sein mag, klug ist sie allemal: Obwohl Obama im Mai bei den Einnahmen mit McCain gleichauf lag, wird der Demokrat nach Ansicht sämtlicher Experten Berge von Geld eintreiben und seinen Konkurrenten beim Rennen um den Zaster deklassieren.
Immerhin buchte er beim demokratischen Vorwahlkampf die ungeheuere Spendensumme von 250 Millionen Dollar ab, gesammelt vornehmlich bei kleinen Spendern im Internet. Obamas Cash bedeute «viel mehr als sein derzeitiger Vorsprung in den Meinungsumfragen, denn das Geld ermöglicht ihm, als Angreifer aufzutreten», bewertet der demokratische Stratege Tad Devine den Geldvorteil seines Parteifreunds. Politisch signifikant ist der Geldsegen schon deshalb, weil er einmal mehr als Beleg für das Jammertal des amerikanischen Konservatismus dient. Denn fast immer war der republikanische Klingelbeutel praller gefüllt als derjenige der Demokraten, und fast immer droschen die Republikaner auch und gerade wegen ihres pekuniären Vorteils mit Vehemenz auf den politischen Gegner ein. Wie etwa 2004, als der glücklose John Kerry dank des guten Kassenstands der konservativen Angriffsmaschinerie auf staunenswerte Weise demontiert wurde.
Obama will dieses Risiko nicht eingehen und hofft, bis zum November mindestens 200 Millionen Dollar einzunehmen – ein gewaltiger Prügel für Angriff wie Verteidigung. Und er hat bereits erkennen lassen, wie er McCain in die Defensive drängen möchte: Vergangenen Donnerstag schaltete sein Stab die ersten TV-Spots in 18 Bundesstaaten, vor allem in republikanischen Hochburgen wie Montana, North Carolina, Alaska und North Dakota flimmerte Obama durch amerikanische Wohnzimmer. Dass er dem Konzept der öffentlichen Wahlkampffinanzierung womöglich den Todesstoss versetzt hat, scheint ihn nicht weiter zu interessieren: Er will im November gewinnen, auch wenn dabei etwas Porzellan zerdeppert wird.