Ein Sieg der Jungen?...
| Von Martin Kilian um 16:26 | [ Madison, Wisconsin ] |
Schliesslich ist Madison Heimat der University of Wisconsin, die bereits in den Sechzigern als liberal-progressive Hochburg galt. Und wie andernorts, so bilden die Jungen auch im Käse-Staat Wisconsin das Rückgrat des Obama-Wahlkampfs. Die Jungen gingen nie wählen, lautete die Klage der letzten Jahrzehnte. Sie seien politisch passiv, ja scherten sich einen Dreck um die Politik. Und wer als amerikanischer Politico auf junge Wähler setze, werde unweigerlich enttäuscht werden. Barack Obamas Kandidatur aber hat bei jungen Amerikanern zwischen 18 und 29 Jahren eine selten gesehene Begeisterung ausgelöst, weshalb manche Kommentatoren bereits von einer «politisch engagierten Generation» schwärmen.
Während John McCain bei Wählern über 55 klar führt, sind die Jungen überwiegend im Lager Obamas zu finden. So auch in Wisconsin, wo der Stab des demokratischen Kandidaten nahezu einhundert junge Helfer in über 20 Wahlkampfbüros dirigiert. Viele der smarten Twens sind Studenten an der University of Wisconsin, und sie bilden das Rückgrat des Obama-Wahlkampfs im Staat. John McCain hat dem nicht viel entgegenzusetzen; während Obamas Mitstreiter in Seminaren geschult und auf ihrem Einsatz vorbereitet werden, haften dem Wahlkampf des republikanischen Kandidaten in Wisconsin amateurhafte Züge an.
Was Wunder also, dass McCain im «Swing-Staat» Wisconsin, dessen Bürger mal republikanisch, mal demokratisch wählen, derzeit bei Umfragen erstaunliche zehn Prozentpunkte zurückliegt. Die hinter vorgehaltener Hand oft geäusserten Zweifel demokratischer Bonzen in Washington, ob die Jungen im November tatsächlich zu den Wahlurnen streben und Obama wählen werden, statt vor dem TV zu sitzen oder eine Fete zu feiern, sind unterdessen bereits leiser geworden: Die Wahlbeteiligung junger Amerikaner hat sich seit 2000 stetig verbessert, und bei den demokratischen Vorwahlen im Winter und Frühjahr glänzte das Jungvolk mit einer Rekordwahlbeteiligung.
Könnte die Präsidentschaftswahl im November mithin zu einem Show-down zwischen Alt und Jung werden, bei dem sich das junge Amerika erstmals gegen die Senioren durchsetzte? Nach vielen Enttäuschungen (man denke nur an die Wahl 1972, als die Jungen dem Demokraten und Antikriegskandidaten George McGovern doch ins Weisse Haus hätten verhelfen sollen!) nun also eine Sternstunde des jungen Amerika? Wetten würde ich darauf nicht, obgleich die in Madison wahrnehmbare Verehrung Barack Obamas tatsächlich den Eindruck erweckt, das junge Amerika habe in ihm eine Stimme gefunden.
Zum Schluss noch ein Wort in eigener Sache: Der Amerikanist verabschiedet sich heute von den Lesern und wird sich künftig in einer neuen Rolle per Video auf der neuen Webseite des Tagi melden. Ab Freitag geht die Reise dort weiter, von Chicago nach Los Angeles entlang der alten Route 66. Thanks!...and see you later!...





